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Schlussbetrachtung:
Der
Nationalsozialismus als Vernichtungsideologie und -realität
vor dem Hintergrund des Bolschewismus
Eine Sturzwelle von Emotionen ging durch ganz Europa bereits
seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Juli/August 1914, und
sie wandelte sich durch den Verlauf des Krieges selbst vom
überwiegend Positiven zum überwiegend Negativen, aber
eine qualitative Differenz trat von dem Augenblick ein, wo sich
Massenemotionen mit massenhaften Interpretationen verbanden,
nämlich mit der von vielen Menschen geteilten Überzeugung,
dass dieser Krieg kein unglücklicher Zufall, kein
unabwendbares Ereignis wie ein Vulkanausbruch gewesen sei, sondern
dass es “Schuldige” gebe, durch deren Beseitigung das
Unheil an ein Ende gebracht werden könne, und zwar an ein
dauerhaftes Ende. Die einfachste Schulderklärung richtete
sich natürlich gegen die Staatsmänner, die in diesen
Krieg durch Unachtsamkeit “hineingeschliddert” seien
oder die wohl gar in der Verfolgung unberechtigter Ziele des
Machtgewinns oder der Raumerweiterung das Massensterben in Kauf
genommen oder möglicherweise intendiert hatten. Für die
einzelnen Mächte waren es immer die gegnerischen Staatsmänner
und die gegnerischen Zielsetzungen, welche für schuldig
erklärt wurden, aber die Ausdehnung auf “die Generäle”
lag sehr nahe, und dann war der Übergang zur Anklage gegen
bestimmte übergreifende Tendenzen wie etwa den
“Imperialismus” schnell gemacht. Diese Ausweitung
wurde keineswegs nur von vielen Sozialisten vorgenommen, sondern
sie wurde auch auf den linken Flügeln der “bürgerlichen”
Parteien artikuliert, und sie führte zu der Forderung, dass
der Krieg durch einen Versöhnungsfrieden beendet werden müsse
und dass für die Zukunft neue Formen des politischen
Zusammenlebens zwischen den Staaten gefunden werden müssten,
etwa in Gestalt eines “Völkerbundes”. Eine
extreme Interpretation innerhalb der großen “Friedenspartei”
war die These, dass “der Kapitalismus” die Schuld
trage, und sie konnte in der Weise verengt werden, dass bestimmte
Gruppen als “Kriegsschuldige” angeklagt wurden,
nämlich “die Kapitalisten” oder “die
Bourgeois”. Diese Interpretation fand nur auf den äußersten
linken Flügeln der sozialistischen Parteien Vorkämpfer,
und sie war lange Sache einer kleinen Minorität, während
eine ganze Anzahl von Sozialisten in beiden Lagern sogar den
Anhängern der “Siegfriedensidee” nahe standen.
Aber die Kritik am “Kapitalismus” war der Kern des
Sozialismus überhaupt, und der Gedanke, “die Reichen”
zu bestrafen und ihnen das geraubte Eigentum zu rauben, war der
einfachste aller Volksgedanken. Die bolschewistische
“Oktoberrevolution” war nichts anderes als der Sieg
der Minderheitsmeinung unter den Marxisten und der verbreitetsten
Volksmeinung unter den Volksmassen in demjenigen Land, das die
größten Verluste erlitten hatte, in Russland. Mit dem
“Körnchen” der bolschewistischen, von Lenin
erzogenen “Führerorganisation” kam auf der Basis
einer vorhergehenden und gleichzeitigen Volksbewegung die
“militante Friedenspartei” an die alleinige Macht,
welche zugleich die Partei der radikalen Umwandlung aller
Verhältnisse in Richtung auf die egalitäre
Planwirtschaft des “Sozialismus” war. Seit ihrem Siege
nahmen die allgemeinen Kriegsemotionen eine andere Gestalt an: die
Gestalt der enthusiastischen Zustimmung oder der erbitterten
Ablehnung. Nicht mehr bloß eine Interpretation, sondern eine
Ideologie trat in jene Sturmflut der Emotionen ein und teilte sie,
wie einst die Wasser des Roten Meeres sich nach der bekanntesten
aller Ursprungserzählungen für den Durchzug der
Israeliten geteilt hatten. Die Widerstände, die dieser
Revolution begegneten, waren gewaltig, und die Energie, mit denen
sie sich ihnen entgegenstellte, war außerordentlich: der
Enthusiasmus, den sie auslöste, machte sich überall
bemerkbar, selbst im Lager der Alliierten, und der Schrecken, den
sie hervorrief, wurde sehr rasch auch in Deutschland mächtig,
obwohl das Deutsche Reich noch für lange Monate Grund hatte,
in dieser Revolution ein positives, weil den Sieg im Weltkrieg
näherbringendes Ereignis zu sehen. Um das Nebeneinander und
Ineinander von Enthusiasmus und Schrecken noch einmal anschaulich
zu machen, zitiere ich einige Abschnitte aus den Berichten eines
deutschen Schriftstellers, der als Korrespondent der Frankfurter
Zeitung in Moskau ein Augenzeuge der Ereignisse war, nämlich
Alfons Paquets, und ich beginne diesmal mit dem Schrecken.
Am
10. September 1918, bald nach den Attentaten auf Lenin und
Uritzki, schreibt Alfons Paquet folgendes: Es wäre “jetzt
an der Zeit, feierlichen Protest einzulegen gegen das, was
gegenwärtig in dem unglücklichen Russland geschieht. Der
Augenblick wäre gekommen, die ganze Menschheit aufzurufen
gegen das Grässliche, das jetzt in allen Städten
Russlands vor sich geht: die planmäßige Vernichtung
einer ganzen Gesellschaftsklasse, die Zerstörung unzähliger
Menschenleben, die durch tausend Fäden der Bildung und des
Berufes mit den übrigen Völkern der Erde verbunden sind
[...]. Die Städte Moskau und Petersburg zittern. Schuldige
und Unschuldige [...] werden auf Grund eines bloßen
Verdachts [...] von der außerordentlichen Kommission jener
eigentümlichen, in schwarzen Lederanzügen auftretenden
Inquisitionsgruppe gegriffen [...] und ein paar Stunden später
erschossen. Die Erschießungen finden meistens früh
morgens statt, beim grellen Licht der Scheinwerfer an den mit
Opfern beladenen Lastautomobilen, in dem Wäldchen an der
Semenowskaja Sastawa oder auf dem Chodynka-Felde. Rücksichtslos
requiriert man Häuser, Wohnungen und Wohnungseinrichtungen in
allen Stadtteilen.”{1}
Aber
derselbe Mann beschreibt wenig später die Feierlichkeiten zum
1. Jahrestag der Oktoberrevolution am 7. November, eine
eindringliche Inszenierung, mit unverkennbarer Faszination, und
man spürt die innere Zustimmung, wenn er hinzufügt:
“Aber das Leben, fragwürdig in jedem Schritt, ist
wieder ein Dasein geworden! Das verhasste Zeitalter der Geschäfte
ist wahrhaftig hingemordet, das alte, feige Philistertum, jenes
allwissende Bürgertum von früher, ist von seinen eigenen
Knechten erschlagen.”{2}
So überrascht es nicht, wenn Paquet (der 1933 von den
Nationalsozialisten aus der Preußischen Akademie für
Dichtkunst ausgestoßen wurde) schon 1919, nach Deutschland
zurückgekehrt, die These aufstellt, die Welt habe mit dem
Bolschewismus “die Geburt der Idee einer neuen
Menschheitsepoche” erlebt und alles Grausige, was damit
einhergegangen sei, berechtige nicht zu der Behauptung, das
Vorhergehende sei besser gewesen.{3}
Wie sollte sich die übrige Welt einem so ungeheuren Phänomen
gegenüber verhalten, das gleichzeitig so viel Enthusiasmus
und so viel Schrecken hervorrief und das sich in den Besitz des
größten Staates der Erde gesetzt hatte?
Sie konnte sich von der Begeisterung hinreißen lassen und
sich die Sache der militanten Friedenspartei zu Eigen machen;
ebendies erwarteten Lenin und Sinowjew, als sie an die Ausrufung
der Räterepubliken in Ungarn und Bayern die zuversichtliche
Hoffnung knüpften, in aller Kürze den “Weltsowjet”
nach Berlin einberufen zu können, damit von dort die endlose
Friedensperiode der nicht mehr in Klassen und Staaten geteilten
Menschheit ihren Ausgang nehme. Aber haben sich jemals siegreiche
Mächte einem Aufruf gefügt, der von Besiegten ausging?
War nicht in Deutschland “das Bürgertum” zusammen
mit den vielen Kleinbürgern viel stärker als in
Russland, standen nicht trotz der Niederlage zahlreiche Offiziere
und Soldaten verlässlich hinter der Regierung der
Mehrheitssozialdemokratie? Schon gegen Ende 1920 war klar, dass
die Kommunisten in Deutschland einen langen und zähen Kampf
würden führen müssen, wenn sie, vielfältig von
Sowjetrussland unterstützt, zum Siege gelangen wollten.
Die übrige, die “westliche”
Welt konnte sich aber auch, im Bewusstsein oder der Einbildung
eigener Stärke, dem “normalen Leben” wieder
zuwenden und dem Ideologiestaat im Osten lediglich besorgte
Aufmerksamkeit zuwenden oder sogar eine “Politik der
Umarmung” treiben, indem man Radeks Gefängniszelle in
Moabit wie einen Salon besuchte, eifrig an den Empfängen der
Botschaft teilnahm oder die schöne Gattin eines
Volkskommissars zu Modewettbewerben einlud. Von dieser Alternative
im deutsch-sowjetrussischen Verhältnis zeichnet das Buch von
Karl Schlögel Berlin, Ostbahnhof Europas{4}
ein sehr lebendiges Bild. Es ist zu vermuten, dass die klügeren
Politiker glaubten, die Anschauung des bewegten Parteienlebens in
Deutschland werde als Kontrast zu den eintönigen
Verhältnissen im Heimatlande für die Intellektuellen
unter dem sowjetischen Botschaftspersonal attraktiv sei,
wenngleich schwerlich für die nicht wenigen GPU-Leute, und
noch mehr werde die Fülle des Warenangebots und die
Mannigfaltigkeit des geistigen Lebens auf die Dauer einen
unwiderstehlichen Eindruck ausüben; letzten Endes werde aus
der Systemkonkurrenz der deutsche und hauptsächlich westliche
Liberalismus siegreich hervorgehen.
Aber es gab auch eine dritte
Möglichkeit, und sie war im Rahmen des Parteiensystems sogar
eine Notwendigkeit. Wenigstens eine größere Gruppe von
Menschen musste den Schrecken so stark und so ausschließlich
empfinden, dass sie in Angst, Zorn und Erbitterung eine Partei zu
bilden suchten, die ebenso militant sein würde wie die
militante Partei der Kommunisten und die daher mit ebenso großer
Energie den Feind zu vernichten suchen würde, wie es die
Kommunisten zu tun beabsichtigten. Eine solche Partei konnte sich
nicht auf eine so lange und bedeutende Vorkriegsgeschichte
stützen, wie die Bolschewiki es konnten, und es war
wahrscheinlich, dass sie es nie zur Geschlossenheit bringen würde,
da viele und unterschiedliche Traditionen in sie einfließen
würden, deren sich vermutlich verschiedene “Führer”
annehmen würden. Eine der wichtigsten dieser Traditionen war
natürlich die “Siegfriedenspartei”, die jetzt in
erster Linie als Anti-Versailles-Partei auftreten musste, die sich
aber keinesfalls als militante Kriegspartei der militanten
Friedenspartei entgegenstellen durfte, sondern höchstens als
“Partei der positiven Kriegserfahrung”, die den
Vorkämpfern der Partei der negativen Kriegserfahrung als
Deserteuren und Verrätern den Kampf ansagte. Doch wenn die
bloß virtuelle Partei einen charismatischen, von starken
Überzeugungen durchdrungenen Führer fand und wenn sie
den militanten Kampf gegen das wichtigste und auffallendste
politisch-ideologische Phänomen des Zeitalters, nämlich,
die Weltpartei der Kommunistischen Internationale und zuvörderst
die KPD, in den Mittelpunkt stellte, dann hatte sie gute
Aussichten, zu einer starken und einheitlichen Partei zu werden,
ja unter bestimmten Umständen sogar die Macht im Staate auf
ähnliche Weise ebenso zu übernehmen, wie die Partei
Lenins es getan hatte. Und schon im Jahr 1922 eroberte ja
tatsächlich eine militant antibolschewistische Partei, die
allerdings ebenso sehr nationalistisch war, die alleinige Macht in
einem Großstaat, nämlich die “nationalfaschistische
Partei” in Italien, und es hätte den dortigen
Sozialisten mehr ein Anlass zum Nachdenken als zu fesselloser
Polemik sein sollen, dass an der Spitze ein Mann stand, der bis
1914 als die führende Persönlichkeit der Sozialistischen
Partei Italiens gegolten hatte, nämlich Benito Mussolini.
Aber wenn in Deutschland eine faschistische, besser: eine
radikalfaschistische Partei den Sieg gewann, dann würde aller
Wahrscheinlichkeit nach über kurz oder lang ein
“Weltanschauungskrieg” zwischen den beiden
todfeindlichen Ideologiestaaten die Folge sein.
Es ist die Kernthese dieser Abhandlung wie früher schon
meines Buches Der Faschismus in seiner Epoche, dass diese so
leicht als Idealtyp zu deduzierende Partei keine andere als die
NSDAP Adolf Hitlers war und dass sie am ehesten verstehbar und
begreifbar wird, wenn man sie als die militante Gegenpartei zur
militanten Kommunistischen Partei und damit auch vor dem
Hintergrund der bolschewistischen Revolution von 1917 sieht.
Gegen diese Bestimmungen wurden und werden nachhaltige und oft
sehr emotionale Einwendungen erhoben. Alle, die den Kommunismus
ablehnen oder auch nur kritisieren - und das waren bis 1991 alle
nichtkommunistischen Parteien -, müssen sich dadurch
angegriffen fühlen, denn anscheinend wird dem
Nationalsozialismus eben durch diese Affinität ein gewisses
Recht zugeschrieben oder doch ein erhebliches Maß von
Verständnis zugewendet. Kann die Hervorhebung des
antikommunistischen Charakters nicht geradezu zu einer Apologie,
ja letzten Endes zur Rechtfertigung von Massenverbrechen führen,
die mindestens gegen die Massenverbrechen des Bolschewismus
“aufgerechnet” werden? War nicht der
Nationalsozialismus in allererster Linie eine “antisemitische”
Partei, mit der man selbst keinerlei Übereinstimmung
aufweist, sodass sie ohne Einschränkung verurteilt werden
kann? Wandte sich der Nationalsozialismus nicht ebenso sehr gegen
den Marxismus und schon gegen den Liberalismus, sodass er nicht
als eine “antikommunistische Partei” verstanden werden
kann? Muss man ihn nicht vielmehr als “antimodern”
definieren, wie schon das Motto “Blut und Boden”, aber
auch die Feindschaft gegen die avantgardistische Kunst unter
Beweis stellt? War Hitler nicht in erster Linie ein
Sozialdarwinist und ein “Lebensraum”politiker, der den
Antikommunismus lediglich für sein Machtstreben
instrumentalisierte, wie ja schon das Faktum des Pakts mit Stalin
zeigt? Schwächt man nicht die moralische Verdammung, welcher
der Nationalsozialismus vor allem wegen des “Holocaust”
unterliegen muss, wenn man Hitler als einen Antikommunisten
immerhin ein verstehbares, nachvollziehbares Motiv zubilligt? Aber
ein überzeugter Kommunist, der allerdings irgendwie mit der
Gestalt Stalins ins Reine gekommen sein müsste, kann gerade
die antikommunistischen Motive Hitlers leicht verstehbar, ja
einsichtig finden und sie trotzdem rückhaltlos verwerfen.
“Verstehen” ist keineswegs notwendigerweise mit
“Verzeihen” identisch.
Ich nehme diese und andere Einwände durchaus ernst, und
ich denke, dass ich auf einige davon schon eine Antwort gegeben
habe oder noch geben werde. Zunächst stelle ich zwei Thesen
auf:
1. Jeder Historiker ist als solcher verpflichtet, jeden
Gegenstand, dem er sich zuwendet, soweit wie irgendmöglich
verstehbar und möglicherweise sogar verständlich zu
machen, obwohl er sein moralisches Urteil nicht mit dem
historischen identifizieren darf. Von dieser Maxime sind auch
Adolf Hitler und die NSDAP nicht auszunehmen.
2. Der beste Weg, Hitler und die NSDAP so verstehbar wie
möglich zu machen, besteht darin, ihre Geschichte vor dem
Hintergrund des bedeutendsten und bewegendsten politischen
Ereignisses des 20. Jahrhunderts zu sehen, nämlich vor dem
Hintergrund der bolschewistischen Revolution von 1917 und der
darauf folgenden internationalen kommunistischen Bewegung.
An dieser Stelle empfiehlt es
sich, eine Äußerung des damaligen Bundespräsidenten
Gustav Heinemann anzuführen, der am 1. September 1969 in
einer Rede folgendes sagte: “[...] Zu den neuen
Verhaltensweisen wäre zu rechnen, an der Angst und der
Trauer, an dem Stolz und der Empfindlichkeit des Gegners Anteil zu
nehmen”.{5}
Er sagte das im Hinblick auf das Regime der DDR und nahm damit
viel von der künftigen “Neuen Ostpolitik” vorweg.
Aber die Gültigkeit des Satzes lässt sich nicht auf
Erich Honecker einschränken. Man macht sich von Hitler,
Göring, Goebbels, Rosenberg und vielen anderen eine
“dämonische” oder mythologische und keine im
einfachsten Sinne “menschliche” Vorstellung, wenn man
behauptet, sie seien unfähig gewesen, Angst, Trauer und Stolz
zu empfinden. Trotz aller solchen Anteilnahme bleiben sie
“Gegner”, und sie würden Feinde sein, wenn sie
nicht schon seit mehr als einem halben Jahrhundert tot wären
und wenn es nicht so verächtlich wäre, auf längst
Verstorbene mit nur allzu lebendiger Wut einzuschlagen. Ich werde
daher diese Schlussbetrachtung auf die - grundsätzlich, wie
sich versteht, falsifizierbare - Annahme gründen, dass
hinsichtlich der Vernichtungsideologie und -realität des
Nationalsozialismus nichts eine ebenso aufschließende und
erhellende Kraft besitzt wie eine Untersuchung der Reaktionen der
führenden Männer gegenüber der früheren
Vernichtungsideologie und -realität des Bolschewismus -
Reaktionen, die sich in erster Linie als die Emotionen der Angst,
des Zorns und der Erbitterung beschreiben lassen. Aus dem Mangel
an Bereitschaft, die Aufforderung Heinemanns oder - besser - die
einfachen Maximen der Geschichtswissenschaft ernst zu nehmen,
können nur jene “Fibeln ad usum delphini Teutonici”
hervorgehen, die sich als “Vergangenheitsbewältigung”
verstehen möchten.
Die
Ideologie Hitlers und einiger seiner bekanntesten Gefolgsleute ist
schon das Thema des zweiten und des dritten Kapitels gewesen.
Bereits dort ist klar geworden, wie sehr sie von dem Hinblick auf
den Bolschewismus und auf Sowjetrussland bestimmt war, ja wie sehr
sie selbst auf einem Postulat beruhte, dass aus eben diesem
Hinblick abgeleitet wurde. Gleich im zweiten Kapitel des ersten
Bandes von Mein Kampf ist zu lesen: “Wird der
Sozialdemokratie eine Lehre von besserer Wahrhaftigkeit, aber
gleicher Brutalität der Durchführung entgegengestellt,
wird diese siegen, wenn auch nach schwerstem Kampfe.”{6}
Es wird also nicht etwa nur die militante Umsetzung einer schon
vorhandenen Ideologie verlangt, sondern auch die “Gegen”-Ideologie
kann erst im Kampf mit dem Feinde entwickelt werden. Eine bloß
anti-bolschewistische Gegenideologie ist aber offensichtlich nicht
zureichend, denn der Bolschewismus stellt sich selbst in den
Zusammenhang einer älteren und umfassenderen Partei und
Ideologie hinein, nämlich in denjenigen der Sozialdemokratie
der Vorkriegszeit, die sich in ihrer orthodoxen Version
tatsächlich als “kommunistisch” hätte
bezeichnen können, und damit in den Rahmen des Marxismus.
Faktisch subsumiert Hitler aber auch die Mehrheitssozialdemokratie
der Nachkriegszeit, die Partei Friedrich Eberts und Karl Kautskys,
unter den Begriff “Marxismus”, und damit weist er den
marxistisch geprägten Antikommunismus zurück, der sich
dem Antikommunismus des pluralistischen Parteiensystems,
wenngleich nicht ganz ohne Widerstreben, eingefügt hatte.
Dadurch hatte er aber, wie er in einer Rede selbst sagte, 40% des
deutschen Volkes gegen sich, und darunter gerade viele der
aktivsten gläubigsten Elemente. Sie alle jedoch neigten, wie
Hitler meinte, mehr oder weniger dem großen feindlichen
Staat im Osten zu. Für diese ebenso bedrohliche wie
rätselhafte Tatsache musste eine Erklärung gefunden
werden, und sie ließ sich nach Hitler nur im Wirken “des
Juden” entdecken, das, wie insbesondere das Gespräch
mit Eckart zeigt, zugleich eine weit in die Vergangenheit
zurückreichende Geschichtsdeutung ermöglichte, welche
sich der Geschichtsphilosophie des Marxismus an die Seite stellen
konnte. Es wird in den Darstellungen des Hitlerschen
“Antisemitismus” viel zu wenig beachtet, wie sehr
gerade die bekanntesten antisemitischen Aussagen zugleich
“antimarxistisch” und damit antibolschewistisch sind,
sodass der Charakter des Antisemitismus als eines
“Universalschlüssels” in die Augen springen
sollte. Das wird ja schon in dem Titel Der Bolschewismus von Moses
bis Lenin deutlich und nicht minder in der überaus
pathetischen und absurd erscheinenden Prophezeiung, wenn der Jude
über die Völker dieser Welt siege, dann werde dieser
Planet wieder menschenleer durch den Äther ziehen, denn die
entscheidende Wendung lautet “mithilfe seines marxistischen
Glaubensbekenntnisses”, und ganz ebenso heißt es in
der vielzitierten Vernichtungsprophezeiung vom 30. Januar 1939,
ein Sieg des Judentums sei gleichbedeutend mit der
“Bolschewisierung der Erde” und dieses Unternehmen
vollziehe sich unter der “jüdischen Parole ‘Proletarier
aller Länder, vereinigt euch”.{7}
Wie sehr Hitler im Grunde den Bolschewismus im Auge hat, wenn er
von “Juden” spricht, geht aus einigen der Wendungen,
die ich in dem zweiten Kapitel zitiert habe, sehr deutlich hervor,
und ich füge hier lediglich noch einige Sätze hinzu. So
liest man in den Stichworten zu einer Rede vom September 1921:
“Bolschewisierung, das heißt Beseitigung der
nationalen Intelligenz. Ein Riesenkrieg. Jawohl. Russland
vollendet.”{8}
Und fast 25 Jahre später sagt der “Führer und
Reichskanzler” in einer Rede vom 26. Mai 1944 genau
dasselbe: “[...] Der Bolschewismus würde Millionen und
Millionen und Millionen unserer Intellektuellen abschlachten [...]
Die Kinder höherer Schichten würden wegkommen und
beseitigt werden.”{9}
Ich glaube nicht, dass man Wendungen wie diese, die sich in allen
Abschnitten von Hitlers Leben finden lassen, als bloße und
kühlkalkulierte “Angstmacherei” abtun darf; es
dürfte viel wahrscheinlicher sein, dass sie in einer genuinen
Angst begründet waren. Und der Zusammenhang zwischen
Vernichtungswillen und Vernichtungsfurcht kommt besonders deutlich
zutage, wenn Hitler im April 1943 in einer Unterredung mit
Nikolaus Horthy dem ungarischen Staatschef nahe legt, schärfere
Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen und wenn er fast
unverhüllt für Massentötungen mit dem Argument
plädiert: Die Juden müssten wie Tuberkelbazillen
behandelt werden. Derartiges sei nicht grausam, wenn man bedenke,
dass sogar unschuldige Naturgeschöpfe wie Hasen und Rehe
getötet werden müssten, damit kein Schaden entstehe.
“Weshalb sollte man die Bestien, die uns den Bolschewismus
bringen wollten, mehr schonen?”{10}
Den heutigen Leser packt mit Recht nichts als Entsetzen, der
Kenner aber erinnert sich daran, dass Hitler 20 Jahre zuvor ein
anderes Gespräch mit einem anderen Ausländer geführt
hatte, in dem eine ganz ähnliche Wendung vorkommt. Es handelt
sich um ein Interview, das Hitler im September 1923 dem
amerikanischen Autor George Sylvester Viereck gewährte und in
dem er das deutsche Verhältnis zu den Juden mit dem
amerikanischen Verhältnis zu den Japanern verglich. Sowohl
Juden wie Japaner seien alte Völker mit einer alten Kultur.
Aber die Amerikaner gäben den Japanern nicht die
Staatsbürgerschaft, anders als die Deutschen den Juden: “Yet,
the Japanese, unlike the Jews, are not a destructive force. They
have ruined no state. They are not carriers of Bolshevism
[...]”.{11}
Diese Parallele ist zugleich ein weiterer Beweis für die
staunenswerte Kontinuität und Unveränderlichkeit von
Hitlers Denken, das dann am richtigsten verstanden wird, wenn man
es in Angst und Hass gegenüber dem Bolschewismus verwurzelt
sieht, von dem ausschließlich die Seite des “Schreckens”
wahrgenommen wird, während die Faktizität des
Enthusiasmus nur insofern ins Spiel kommt, als Hitler nach einer
Erklärung für das rätselhafte Faktum sucht und sie
in einem “Schlüssel” findet, dem Wirken “des
Juden”. Sein “Antisemitismus” ist also im
Bereich der konkreten Erfahrung zunächst Antibolschewismus,
in der ersten Ausweitung Antimarxismus und erst in der zweiten
Ausweitung Antijudaismus. Dabei handelt es sich jedoch nicht um
eine chronologische Reihenfolge. Auch in Wien war Hitler schon ein
“Antisemit”, aber gerade in Wien war der enge
Zusammenhang mit dem Antimarxismus bereits sichtbar. Ich erinnere
Sie an die Wendung von dem, “wie Schuppen von den Augen
fallen.” Und im Rahmen dieser Zusammenhänge ist ein
Satz nicht mehr unglaubwürdig, sondern zentral, den Hans
Frank in seinen Erinnerungen überliefert und auf den 30.
Januar 1933 datiert: “Das einzige, was ich ‘anti’
bin, ist wahrscheinlich nur, dass ich ein Anti-Lenin bin.”{12}
Was
Heinrich Himmler betrifft, so kann nichts unzweideutiger sein als
der Titel jener Publikation von 1937 Die SS als
antibolschewistische Kampforganisation, und es ist gezeigt worden,
wie unverbunden hier die “antisemitische”
Interpretation des Bolschewismus und eine aus selbstkritischem
Nationalismus hervorgehende Deutung nebeneinander stehen. Aber
wenn Himmler sich später eine “genaueste Kenntnis des
Bolschewismus” zuschrieb, so hat dieses Interesse sehr früh
in seinem Leben den Anfang genommen. Josef Ackermann notiert in
seinem Buch über Himmler als Ideologen, im Mai 1924 habe er
den “Bolschewismus von Moses bis Lenin” gelesen und
einen sehr positiven Kommentar dazu gegeben, und zwei Jahre später
habe er nach der Lektüre des Buches von Katharina
Haugh-Haough Hinter den Kulissen des Bolschewismus in sein
Tagebuch geschrieben: “Der Jude entfesselt das Tier und das
Verbrechen.”{13}
Aber auch in Himmlers frühesten Reden war der Bolschewismus
ein wichtiges Thema. So sagte er im Juli 1926 vor Bauern: “Der
Weg, den Deutschland, den du als Bauer bisher gegangen bist, wird
weiter in die Tiefe, bis ins Elend führen, das Bolschewismus
heißt, wie in Russland, und das ist: Massenmord und
Hungertod in Stadt und Land, Raub und Enteignung deiner Höfe
und deines Bodens. [...] Nun mache nicht den Fehler und schlage in
deiner Not mit dem Eichenstock deinen Bruder zu Boden, so wie es
dir der Kommunist und wie es dir der Gandorfer und der Kübler
anraten. Zuschlagen sollst du, aber triff mit deinem Stock den
Richtigen, den, der dich würgt, den Juden und das
Kapital.”{14}
Im Jahre 1943 wird bei dem “Reichsführer SS” der
enge Zusammenhang zwischen unmittelbaren Erfahrungen und weit
darüber hinausgreifenden Deutungen besonders klar, und zwar
in der berüchtigten Posener Rede vom 4. Oktober vor den
SS-Gruppenführern. Hier ist, wie an nicht wenigen ähnlichen
Stellen, mit großem Nachdruck von der Revolution der
“Untermenschen” die Rede, der man sich 1918 in
Deutschland gegenübergesehen habe und die sich im Wirken der
KPD fortgesetzt habe, aber nun ungefährlich gemacht worden
sei, da die “ganze kriminelle Unterschicht” sich heute
in den Konzentrationslagern befinde. “Wenn die frei
herumliefen, würden wir uns schwerer tun. Dann hätten
nämlich die Untermenschen ihre Unteroffiziere und
Kommandeure, dann hätten sie nämlich ihre Arbeiter- und
Soldatenräte.” Und von dieser sehr einfachen, ganz
konkreten Erfahrung her gelangt Himmler schließlich nicht
nur zu dem klarsten Eingeständnis der Tatsächlichkeit
der “Endlösung”, sondern er rechtfertigt sie auf
eine extreme und scheinbar rein “antisemitische”
Weise: “Wir hatten das moralische Recht, wir hatten die
Pflicht gegenüber unserem Volke, dieses Volk, das uns
umbringen wollte, umzubringen”.{15}
Dieser Satz scheint ein Ausfluss simplen Irrsinns zu sein. Wieso
wollte das jüdische Volk, das in seinem deutschen Teil bis
1933 einige der größten Verehrer und Repräsentanten
der deutschen Kultur in sich schloss und das in seinem
zionistischen Teil sogar prinzipiell mit dem Trennungsbetreiben
der Nationalsozialisten übereinstimmte, das deutsche Volk
umbringen? Aber der Satz wird sofort leicht verstehbar, wenn man
ihn umformuliert und über die mehr als fragwürdige
Behauptung, die er enthält, zunächst hinwegsieht: “Die
kommunistischen bzw. marxistischen Revolutionäre wollten, wie
sie selbst ausdrücklich proklamierten, die Klasse der
Offiziere und darüber hinaus das Bürgertum vernichten,
und jetzt werden ‘sie’ (d.h. ‘die Juden’
als Anstifter und Urheber) gerechterweise zum Objekt der
Gegenvernichtung gemacht.” Vernunft und Irrsinn, richtige
Feststellung und kollektivistische Schuldzuschreibung sind hier
also eine eigenartige und verhängnisvolle Verbindung
eingegangen. Aber wie sehr auch im Rahmen konkreter (wenngleich
möglicherweise imaginierter) Kriegsereignisse die Angst vor
dem Bolschewismus und die daraus resultierende Wut und
Entschlossenheit für Himmler leitend waren, wird durch die
Erzählung von dem (angeblichen) Handeln eines sowjetischen
Kommissars augenfällig, die Himmler sowohl hier wie in seiner
fast gleichzeitigen Rede auf einer Befehlshabertagung in Bad
Schachen seinen Zuhörern darbietet. Es habe ihm, als er durch
den Bericht eines estnischen Überläufers davon erfuhr,
“einen furchtbaren und ungeheuren Eindruck gemacht.”
Der
Angriff eines russischen Bataillons sei abgeschlagen und die
Offiziere seien zum Kommissar bestellt worden. Auf die Frage,
weshalb der Angriff ohne Erfolg geblieben sei, habe der
Kompaniechef eine Anzahl einleuchtender Gründe vorgebracht.
“Darauf zieht der Kommissar seine Pistole und schießt
den Kompaniechef über den Haufen [...] In einer Stunde griff
das Bataillon wieder an.” Dieses Beispiel zeige, fährt
Himmler fort, “welchem brutalen, unbarmherzigen und
gnadenlosen Gegner wir gegenüberstehen”, und die
Folgerung lautet “Nur wenn wir so hart sind wie ein
Kommissar”, werden wir würdig sein, in dem Zeitalter
Adolf Hitlers gelebt zu haben.{16} Mit anderen Worten heißt
das: Nur wenn wir wie die Bolschewiki handeln, werden wir gegen
die Bolschewiki siegen können, und das stimmt genau mit jenem
viel früheren Postulat Hitlers überein: “Nur wenn
wir eine Ideologie entwickeln, die ebenso brutal ins Werk gesetzt
werden kann wie die marxistisch-bolschewistische, werden wir über
den Marxismus triumphieren können.” Zwar will Himmler
offenbar nicht sagen, die Nationalsozialisten müssten zu
Bolschewiki werden, ganz wie Hitler für sich eine “bessere
Wahrhaftigkeit” in Anspruch nimmt, aber in manchen der
späten Tagebuchnotizen von Joseph Goebbels finden sich
Wendungen, die den Nationalsozialisten wie eine unvollkommene
Kopie des Bolschewismus erscheinen lassen, wie eine Kopie, die
durch den Blick auf das Vorbild noch verbessert werden könnte.{17}
Aber bis dahin war es ein weiter
Weg. Zwar ist das Tagebuch aus Goebbels’ frühen Jahren
voll von spät pubertären Ergüssen, und neben einem
zunächst auf Maximilian Harden bezogenen Judenhass lässt
sich auch der Satz finden: “Ich bin ein deutscher
Kommunist.” Aber seitdem er sich von Gregor Straßer
entfernt und sich Hitler, “dem Größeren, dem
politischen Genie” gebeugt und eine Schrift Lenin oder
Hitler? geschrieben hat, geht die Furcht vor dem Bolschewismus und
der entsprechende Hass als eine der festesten Konstanten durch
sein Tagebuch hindurch. Im Juni 1926 schreibt er: “Dazwischen
las ich Iw. Naschiwins ‘Rasputin’ mit tiefer
Erschütterung aus. Das grandiose Gemälde des russischen
Bolschewismus. Wohl etwas weißrussisch gesehen. Aber
niederdrückend in seiner satanischen Grausamkeit. So mag der
Teufel wüten, wenn er die Welt beherrscht. Der Jude ist wohl
der Antichrist der Weltgeschichte. Man kennt sich kaum mehr aus in
all dem Unrat von Lüge, Schmutz, Blut und viehischer
Grausamkeit. Wenn wir Deutschland davor bewahren, dann sind wir
wahrhaft patres patriae.”{18}
25.6.32: “Der rote Terror nimmt in einem Maße zu,
das geradezu aufreizend wirkt. Unsere Leute sind in verzweifelter
Stimmung.”
17.7.32: “Schreckensnachricht aus Altona. Die KPD greift
in organisiertem Überfall unsere marschierende SA an. Es gibt
15 Tote und über 50 Schwerverletzte. Das ist der offene
Bürgerkrieg! Wann will die Regierung eingreifen?”
22.8.35: “Buch von Torgler und M.R. [Maria Reese?]
gelesen. Furchtbar, dieser bolschewistische Sumpf. Davor hat
Hitler uns bewahrt [...].”
8.6.36: “Ich lese ‘Fabrik des neuen Menschen’
[Rachmanowa] aus. Man wird von Grauen über den Bolschewismus
erfasst. Der muss an die Wand gequetscht werden. Wie eine Spinne.”
11.8.36: “Die Roten begehen [in Spanien] fürchterliche
Gräueltaten. Wehe, wenn die einmal in Europa das Heft in die
Hand bekämen. Dann wären wir alle mit unseren Familien
geliefert. Da machte man am besten selbst rechtzeitig Schluss.
Aber wir werden schon vorsorgen [...]”
10.12.36: “Moskau plant Verdreifachung seiner
Effektivbestände. Also aufrüsten. Nicht ins
Hintertreffen geraten.”
27.1.37: “In Russland geht der Schauprozess weiter. Die
Juden fressen sich gegenseitig auf. Beim Führer: Er schildert
Russland in seiner Trostlosigkeit und Desorganisation. Dieses
Spitzel- und Terrorsystem wäre für deutsche Begriffe
ganz unerträglich. Dort herrscht der Wahnsinn.”
14.6.37: “Moskaus
Bluturteile an den acht Generälen vollstreckt. Man schaut da
nicht mehr durch. Die sind alle krank [...] Riesenaufsehen in der
ganzen Welt.”
1.7.37: “Ich lese ein erschreckendes Buch über
Russland. Solonewitsch ‘Die Verlorenen’. Führer
will es auch lesen. Nächster Parteitag geht wieder gegen den
Bolschewismus [...]”
14.10.37: “Ich lese mit Entsetzen Solonewitsch 2. Teil
‘Die Verlorenen’. Das ist in Russland die Hölle
auf Erden. Ausradieren! Muss weg!”
4.2.38: “Bombenattentat der
GPU in Sofia auf Solonewitsch. Seine Frau tot, er unverletzt. Das
ist Moskau [...] Diese Sowjets sind wahre
Verbrecherorganisationen. Man muss sie mit Feuer und Schwert
ausrotten.”{19}
Man hat viel intellektuelle Mühe
darauf verwendet, Äußerungen wie diese für
unglaubwürdig oder für bloße Manöver zu
erklären, sofern man nicht vorzog, sie erst gar nicht zu
zitieren. In der Tat ist die ständige kausale Verknüpfung
mit “den Juden” mehr als fragwürdig, und Goebbels
gibt selbst Anlass zu Verdacht, wenn er gelegentlich von der
“antibolschewistischen Platte” spricht, die er
auflege. Aber ich sehe gleichwohl keinen Grund für die
Annahme, die einfachste Erklärung treffe, n i c h t zu,
nämlich dass Hitler, Goebbels und Rosenberg von demjenigen
überzeugt waren, was sie in ihren Reden auf den beiden
Parteitagen von 1936 und 1937 der Welt verkündeten, nämlich,
dass Europa sich in tödlicher Gefahr befinde und dass es nur
durch eine entschiedene und militante Gegenbewegung gerettet
werden könne. Allerdings büßten sie dann durch den
Stalin-Hitler-Pakt, der ja offenkundig eine nationale Zielsetzung
vor den tendenziell übernationalen Antibolschewismus stellte,
auch sich selbst gegenüber an Glaubwürdigkeit ein, wie
sich zumal an einigen sehr kritischen Notizen Rosenbergs sehr
leicht aufzeigen lässt. Auch Goebbels schreibt bereits am 9.
November 1939, es werde einem manchmal doch etwas unheimlich bei
dem Zusammengehen mit Moskau, und am 13. Januar erzählt er
von einem “erschütternden Bericht aus Lemberg, wie die
Sowjetrussen dort hausen.” Unter dem 9. August 1940 ist zu
lesen: “Der Bolschewismus ist doch der Weltfeind Nr.1.
Irgendwann werden wir auch einmal mit ihm zusammenprallen. Der
Führer meint das auch.” Aber dann findet sich doch
wieder eine Eintragung wie die folgende, die es wahrscheinlich
macht, dass Goebbels nicht ohne Empfinden für jene “andere
Seite” des Bolschewismus, für den Enthusiasmus war:
“Ein Film von der roten Sportolympiade in Moskau. Der ist
gut. Er zeigt ein lebendiges und lebensfrohes Russland. [...]
Große organisatorische Leistung. Der Bolschewismus wird uns
immer ein Rätsel bleiben.”{20}
Nach
dem Angriff vom 22. Juni teilt Goebbels für einige Zeit den
überbordenden Optimismus und glaubt vorhersagen zu können,
dass der Bolschewismus wie ein Kartenhaus zusammenbrechen werde.
Aber es dauert nicht allzu lange, bis er sich über den Ernst
der Lage Rechenschaft gibt. Zwar bleiben Äußerungen des
Entsetzens über die bolschewistischen Gräueltaten
vorherrschend - obwohl er sie doch spätestens nach jener
Eintragung vom 27. März 1942 schwerlich noch formulieren
konnte, ohne vor sich selbst schamrot zu werden -, aber nun
tauchen auch sehr positive Feststellungen über “die
brutalen Volksnaturen” der heutigen sowjetischen Generalität
auf, und von besonderem Gewicht ist die Zustimmung zu Hitlers
Bemerkung, Stalin habe den Vorteil, dass er keine
Gesellschaftsopposition besitze. Man kann also den Eindruck
gewinnen, dass für den späten Goebbels der
Nationalsozialismus nur ein unvollkommener, halbschlächtiger
Bolschewismus ist, ja man mag zu der Meinung gelangen, jetzt
schätze er sogar die innere Kraft des Bolschewismus als die
höhere ein, denn er spricht von den “in der deutschen
Arbeiterschaft [...] immer noch vorhandenen kommunistischen
Bazillen”, die wieder virulent werden könnten.{21}
Aber letzten Endes dürfte er doch nicht viel anders empfunden
haben als Hitler selbst, der im Sommer 1944 ganz ohne
interpretatorische Überhöhungen vorhersagte, die durch
Südfrankreich durch Ausrufung von “Räten”
ausgehende kommunistische Welle werde sich über das ganze
französische Gebiet ausbreiten und auch die englischen und
amerikanischen Truppen würden infiziert werden; Ähnliches
habe sich am Ende des letzten Krieges in Archangelsk abgespielt
und heute sei ganz Frankreich von einer völlig
undisziplinierten und bolschewistischen Bevölkerung
bewohnt.{22}
Deshalb sollten aus vereinzelten Aussagen und
Tagebucheintragungen der letzten Kriegsjahre keine allzu
weitgehenden Schlüsse gezogen werden, und daher dürfte
eine Briefstelle von Rudolf Hess aus dem Jahre 1927 doch für
die Einstellung der Führungsschicht gegenüber dem
Bolschewismus besonders erhellend sein. Am 15. April schrieb er an
eine Cousine folgendes:
“Der Tscheka ihre Aufgabe
war und ist die Beseitigung der einst führenden Schichten in
Russland, die Ausrottung der Intelligenz, vom Gelehrten bis zum
Unternehmer von einst. [....] Die Beschreibungen dieser Blutorgien
sind grauenhafter wie alle Vorstellungen der Fantasie. Nach
monatelanger Gefangenschaft der ziemlich wahllos
zusammengetriebenen Opfer in kalten, finsteren Kellern [...]
geschah die Abschlachtung auf abwechslungsreichster und
unterhaltsamste Weise, z.B. durch Einblasen überhitzten
Dampfes. [...] Dazwischen hat man auch zum Spaß Einzelne
nach allen Methoden mittelalterlicher oder chinesischer Folter
umgebracht, wie Därme aus dem Leib winden, Augen ausbrennen
usw. [...] v.Pf. erzählte mir auch, dass sie eine baltische
Adelsfamilie in einen ganz kleinen Raum eingeschlossen fanden. Der
Mann war erschossen worden; die Leiche musste aber im Raum bei
Frau und Kindern bleiben; in welchem Zustand sie sich befand, will
ich nicht weiter beschreiben. Überhaupt will ich dir die
Fortsetzung der Schilderungen, die ins unendliche gehen könnten,
ersparen. [...] Wenn ich dir davon schreibe, so nur aus einem
Grunde: Nur wer sich obiges lebendig vor Augen hält, darf
über uns und unsere Methoden urteilen.”{23}
Hier stoßen wir, wenn wir nicht die Augen verschließen,
auf eine frühe und bemerkenswerte Singularität, nämlich
auf die allem Anschein nach aufrichtige Empörung der
künftigen Massenmörder über Massenmorde, eine
Empörung, die früh in den zwanziger Jahren beginnt und
sich bis in den deutsch-sowjetischen Krieg hinein durchhält.
Schon waren Heydrichs Befehle in Preetzsch seit 8 Wochen erteilt,
da konnte man im “Schwarzen Korps” vom 17. Juli 1941
folgendes lesen: “Noch stehen uns die grausigen Bilder von
den sowjetischen Massenmorden in Lemberg, Dubno und Luzk vor Augen
[...] die Leichenberge und Folterwerkzeuge des verbrecherischen
Regimes [...] das pestige Gesicht der Unterwelt”, und noch
Monate später ließen Einsatzgruppenführer
“Mordbuben” hängen, denen die Schuld an Tausenden
von Toten vorgeworfen wurde, und zwar nicht selten unter großer
Anteilnahme der ukrainischen oder lettischen Bevölkerung.
Hätten die Türken und Kurden Ähnliches sagen und
empfinden können, als sie 1915 den Völkermord an den
Armeniern in Gang setzten? Der handgreifliche Unterschied ist der,
dass die Türken sich keinem ideologischen Todfeind
gegenübersahen, und doch besteht wiederum eine unübersehbare
Übereinstimmung darin, dass ganz überwiegend ein Volk
das Objekt einer Massenvernichtung war, die sich als “Vergeltung”
verstand.
Aus dem, was ich bisher dargelegt habe, könnte der
Eindruck entstehen, dass die Juden für die
Nationalsozialisten bloß “Sündenböcke”
gewesen wären, denn in Wahrheit habe der Vernichtungswille
dem Bolschewismus oder auch dem kapitalistischen
Internationalismus gegolten, sodass im Prinzip ebenso gut
Katholiken oder Freimaurer als Repräsentanten des
eigentlichen Feindes hätten ausgegeben werden können.
Dann wären die Juden weiter nichts als zufällige und
unbeteiligte Opfer gewesen, in der Tat “Schafen”
gleich, “die zur Schlachtbank geführt werden”,
und jedes ernste Nachdenken über “Auschwitz” wäre
überflüssig, da das historische Urteil an Eindeutigkeit
nicht hinter dem moralischen Urteil zurückbleiben würde.
Es gab aber eine ideelle
Notwendigkeit für die Wahl der Juden: wenn die
Gegen-Ideologie und Gegen-Realität ebenso radikal sein wollte
wie die ursprünglichere Ideologie und das ältere Regime,
dann musste sie einen ebenso mächtigen und ebenso sichtbaren
Feind sich gegenüber haben. Als dieser Feind hätte
schlicht “der Kommunismus” gelten können - dann
hätte ein rein politisches Verhältnis vorgelegen. Doch
auch der Kommunismus bekämpfte keinen rein politischen Feind,
und er griff nicht einmal in erster Linie das “Konkurrenzsystem”
an, als dessen Opfer sowohl die Arbeiter wie die Unternehmer
anzusehen waren, sondern er nahm eine Konkretisierung vor und
attackierte vornehmlich eine bestimmte Gruppe von Menschen, wie
immer deren politischen Stellungnahmen sein mochten, nämlich
“die Kapitalisten”. Auch der sichtbare Feind der
Gegenbewegung, des Radikalfaschismus, musste etwas von diesem
offenbar sehr populären und einleuchtenden Feindbild an sich
haben, und so erfolgte eine zweite, noch weitergehende
Konkretisierung: die Konzentrierung der Aufmerksamkeit auf die
Juden. Wenn nicht so unmittelbare Emotionen und Erfahrungen im
Spiel gewesen wären, könnte man sagen, es habe sich
dabei um eine geniale Erfindung gehandelt: Die Juden waren die
ältesten und bekanntesten Kapitalisten im Sinne von Händlern
und für viele Menschen als Verkörperung des
“Schachergeistes” und zugleich als Förderer des
Kosmopolitismus noch hassenswerter. Und seit 1917 konnten sie als
Urheber des Bolschewismus gerade deshalb mit besonderer Vehemenz
angeklagt werden, weil die Vorstellung, die Juden seien “die
Schürer und Hetzer zur Revolution” schon im 19.
Jahrhundert nicht ganz selten zu Wort gebracht worden war.{24}
Aber wer dazu neigte, die Juden als solche für den
Bolschewismus und noch mehr für den Kapitalismus
verantwortlich zu machen, der hätte gut daran getan, die
Autobiografie des bedeutenden jüdischen Historikers Simon
Dubnow zu studieren, die 1937 in Berlin erschien.
Dubnow
entwirft darin ein anschauliches Bild der Welt des osteuropäischen
orthodoxen Judentums, in der er aufwuchs, der Welt eines uralten
“Religionsvolkes” mit eigener Sprache, streng
geregeltem Gemeindeleben und eigentümlichen Sitten, dessen
hervorragendste Mitglieder sich bei aller wirtschaftlichen
Tüchtigkeit fast ausschließlich der eigenen
mehrtausendjährigen Tradition, dem Studium der “Torá”,
widmen. Aber gegen die Welt der Talmud-Schulen, welche in ihrer
Abgeschlossenheit von der Natur und von zeitgenössischem
Denken eine “wahre Folter für das kindliche Gehirn”
sind,{25}
begehrt der junge Dubnow auf und zählt sich zu der Schule der
“Aufklärer”, der Maskilim, die sich dem engen
Fanatismus und dem Aberglauben der Chassidim und der Zaddikim
entgegenstellen, um dem osteuropäischen Judentum den Weg zu
der westeuropäischen Wissenschaft und einem weniger
unnatürlichen Leben zu öffnen. Doch wenn er auch als
Historiker und Autor sich Ansehen erwirbt und zu einem Vorkämpfer
der Gewinnung von Gleichberechtigung und nationalen
Minderheitsrechten im Russischen Reich wird, hält er dennoch
die Verbindung zur Welt der Orthodoxie aufrecht. Bald sieht er
sich in einen Kampf mit einer dritten Richtung im Judentum
verwickelt, mit den Zionisten, die er als Nationalisten und
Separatisten kritisiert, und schließlich stößt er
mit der jüngeren Gruppierung zusammen, nämlich den
“Bundisten”, die viel Fanatismus an den Tag legen und
Veranstaltungen seiner Gruppe nicht selten gewaltsam zu stören
suchen. Und nach dem Ausbruch des Krieges lernt er auch die
Bolschewiki näher kennen, die den “"Klassengeist"
noch stärker verkörpern als die Bundisten und die mithin
für eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Existenz der
jüdischen Minderheit in Russland noch gefährlicher sind.
So sehr er die Februarrevolution begrüßt, so ablehnend
steht er der Oktoberrevolution gegenüber, und er durchleidet
in Petrograd viele der Ängste und Nöte, denen seine
Gesinnungsgenossen und das ganze Bürgertum ausgesetzt sind,
bevor ihm im Jahre 1922 von Freunden die Emigration nach Berlin
ermöglicht wird. Aber er verbirgt sich nicht, dass zwischen
“einigen” Juden und den Bolschewiki eine Besorgnis
erregende Beziehung besteht. Daher notiert er schon vor dem
Oktoberumsturz: “Gewiss, auch aus unserer Mitte haben sich
einige Demagogen den Helden der Straße und den Predigern der
gewaltsamen Aneignung angeschlossen. Sie treten unter russischen
Pseudonymen auf, weil sie sich ihrer jüdischen Abkunft
schämen (Trotzki, Sinowjew u.a.). Aber eher sind ihre
jüdischen Namen Pseudonyme: in unserem Folge wurzeln sie
nicht.” Und als ein Jahr später die Attentate auf Lenin
und Uritzki stattgefunden haben, schreibt er: “Es ist gut,
dass gerade Juden diese Tat vollbracht haben. So haben sie die
furchtbare Schuld gesühnt, mit der sich Juden durch ihre
Beteiligung am Bolschewismus beladen haben.”{26}
In der Berliner Emigration wurden
ähnliche selbstkritische Töne vernehmbar, und
insbesondere ein früher “Bürgerrechtler”,
Josef Bikermann, warf 1924 den anderen Juden vor, “sich aus
ihrer Verantwortung für die russische Revolution zu stehlen”,
denn es sei auf “die allzu eifrige Teilnahme der jüdischen
Bolschewisten an der Unterdrückung und Zerstörung
Russlands” zurückzuführen, dass nun “der
glühende Hass gegen die Bolschewisten zu einem ebenso
brennenden Hasse gegen die Juden” werde.{27}
Und sogar zu Anfang der neunziger
Jahre zeigte sich in der Bundesrepublik eine aus der Sowjetunion
emigrierte Jüdin, die Tochter eines “jüdischen
Kommunisten”, trotz des überwältigenden Eindrucks
von Auschwitz, der alles Nachdenken überflüssig zu
machen schien, mutig genug, um Tatbestände zu Wort zu
bringen, die keinem Kenner verborgen waren, die man aber
klugerweise unerwähnt ließ: “Wenn für das
Zarenregime der Offizier, der adlige Beamte oder Kanzleivorsteher
in Uniform typisch waren, so wurde der nicht selten gebrochen
Russisch sprechende jüdische (lettische) Kommissar mit
Lederjacke und Mauserpistole typisch für das Erscheinungsbild
der revolutionären Macht”. Und an späterer Stelle
schreibt sie sogar zusammenfassend: “Die Tragödie des
Judentums bestand darin, dass es keine politische Option gab, um
der Rache für die geschichtliche Sünde der Juden -
ihre exponierte Mitwirkung am kommunistischen Regime - zu
entgehen. Der Sieg des Sowjetregimes hatte sie zeitweilig
gerettet, die Vergeltung stand ihnen noch bevor.”{28}
Damit formuliert Sonja Margolina
tendenziell eine These, die man die in Deutschland der Zeit nach
1945 am meisten tabuisierte aller Auffassungen nennen kann,
nämlich: Es habe ein kausaler Nexus zwischen dem Verhalten
der Juden in der bolschewistischen Revolution und “Auschwitz”
bestanden, populär ausgedrückt: Die Juden seien selbst
schuld an dem Unheil, das im Kriege über sie hereingebrochen
sei. Und mindestens an einigen Stellen der von Nichtjuden
stammenden und durchaus “etablierten” Literatur finden
sich Feststellungen über Reaktionen von Nichtdeutschen, denen
eben dieses Empfinden zugrunde liegt. So schreibt Dieter Pohl, die
Mehrheitsmeinung der Polen in Galizien sei angesichts der
Ausrottungsmaßnahmen des “höheren SS- und
Polizeiführers” Katzmann dahingegangen, “die
Rache der Geschichte sei über die Juden gekommen”, und
deshalb habe es “kein warmes Mitgefühl”
gegeben.{29}
Aber
nun muss gerade mit dem Hinweis auf Dubnow, Bikermann und
Margolina nachdrücklich unterstrichen werden, dass es keinen
besseren Beweis als deren Aussagen und Darstellungen für die
Feststellung gibt, dass nicht “die Juden” die Urheber
der bolschewistischen Revolution waren, so lobend sich Lenin über
ihre revolutionären Qualitäten ausgesprochen hat,
sondern dass aus einem ganz ungewöhnlichen Volks- und
Religionsschicksal heraus, das sich beim Blick auf Deutschland als
noch vielfältiger und weit überwiegend
“antibolschewistisch” darstellen würde, ein Teil
der Juden durch den engen Anschluss an die bolschewistische
Revolution ihr Schicksal ins Positive zu wenden versuchte. Die
These war also unrichtig und in hohem Grade eine
“Denkerleichterung” in Analogie zu jener späteren
“Arbeitserleichterung” der Einsatzgruppen {30},
und sie war als eine “Konkretisierung höheren Grades”
noch unzulässiger als jene frühere Einschränkung
des Vernichtungsziels auf “die Kapitalisten”. Sie war
allerdings keineswegs unverstehbar, und die
“Schwarz-Weiß-Moralisten” von heute würden
gut daran tun, sich der Lektüre von Moses Hess zu widmen, der
einen ganz engen Zusammenhang zwischen der Lehre des Moses und dem
Sozialismus konstatieren zu dürfen glaube, oder ihre
Aufmerksamkeit einem der geistvollsten jüdischen Autoren der
Gegenwart zuzuwenden, der den Marxismus “that utterly Judaic
secular messianism” nennt, nämlich George Steiner.{31}
Weshalb soll dann der Begriff “jüdischer Bolschewismus”
bloß eine feindselige Erfindung sein? Es wäre leicht
vorstellbar, dass heutige Juden aus diesen Tatbeständen und
Aussagen einen großen Stolz herleiteten, weil das Engagement
für Sozialismus, Marxismus und auch Bolschewismus trotz allem
- vielleicht nur temporären - Scheitern im Gesamtzusammenhang
der Moderne als höchst positiv zu betrachten wäre.
Indessen
ist eine eigenartige Tendenz zur Selbstherabsetzung der Juden zu
konstatieren, die einer ganz ähnlichen Tendenz der Deutschen
entspricht. Nicht einmal dem Nationalsozialismus gegenüber
ist man geneigt, eine entschiedene und aktive Feindschaft
zuzugeben, da der “Opfer”status in der ganzen Welt
heute eine so hohe Schätzung erfährt. Aber ein Volk,
eine Religion, eine Gruppierung, die sich gegenüber einer
ausgesprochenen Feinderklärung gleichgültig oder gar
freundlich verhält, ist entweder eine Gemeinschaft von
Heiligen oder von Toren. Und wo hätte es jemals eine
unzweideutigere Feinderklärung gegeben als im Falle Hitlers
und des Nationalsozialismus? Nichts in der jüdischen
Tradition weist auf “Feindesliebe” hin: Für die
aus Osteuropa stammende Historikerin Lucy Dawidowitsch ist die
Feststellung selbstverständlich, dass die Juden in aller Welt
seit 1933 von Deutschland als “Amalek” gesprochen
hätten. Die Hilfe der Juden in aller Welt versprach Chaim
Weizmann, der Chef der “Jewish Agency” und nach dem
Kriege der erste Präsident Israels, im August/September 1939
der englischen Regierung, und er dehnte dieses Versprechen weit
aus, als er mit starker Zustimmung auf die Proklamation des
jüdischen Antifaschisten Komitees der Sowjetunion reagierte,
die am 24. August 1941 alle Juden der Welt zur Hilfe für die
bedrängte UdSSR aufgerufen hatte. Es war nicht eine
Goebbelssche Propagandalüge, dass einflussreiche
amerikanische Juden Entscheidendes dafür getan hatten, um die
USA in den Krieg hineinzuführen, denn selbst Chamberlain
scheint dieser Meinung gewesen zu sein, und Charles Lindbergh
stützte seinen ganzen pazifistischen Feldzug darauf. Es ist
weiter nichts als Gedankenlosigkeit, wenn man an der These Anstoß
nimmt, Hitler sei berechtigt gewesen, die deutschen Juden nach dem
Kriegsbeginn zu internieren, denn Franzosen und Engländer
handelten gegenüber den deutschen Emigranten nicht anders,
die ihnen gegenüber doch eine freundliche Gesinnung an den
Tag legten, welche man von den deutschen Juden selbst bei größtem
Optimismus nicht erwarten durfte. Wer das vor kurzem publizierte
Buch von Arno Lustiger Zum Kampf auf Leben und Tod. Das Buch vom
Widerstand der Juden 1933-1945 liest,{32}
muss den Zweiten Weltkrieg in einer ganz andersartigen Perspektive
sehen und der Aktivität der Juden beim Kampf gegen den
Nationalsozialismus ein viel größeres Gewicht
zuschreiben, sogar der Aktivität deutscher Juden ab 1933 und
erst recht derjenigen der französischen Juden ab 1941, wie
auch aus Jean-Paul Sartres Artikel über den Antisemitismus
überaus deutlich wird. Es gab für die
Nationalsozialisten gute Gründe, die Juden als “Feindvolk”
zu betrachten, aber sie selbst waren die Hauptursache der
Feindschaft. Noch im Frühjahr 1940 lehnte es indessen selbst
Heinrich Himmler “aus innerster Überzeugung als
ungermanisch und unmöglich” ab, die “bolschewistische
Methode” (!) der Vernichtung ganzer Völker zu
übernehmen, und Joseph Goebbels empfahl noch im September
1941 in einem Gespräch mit Heydrich, die Juden sollten in die
Eismeerlager gebracht werden, die sie ja selbst gebaut hätten.{33}
Er hatte also immer noch die “territoriale Endlösung”
im Auge, und die qualitative Differenz des Übergangs zum
“Holocaust” vollzog sich erst Ende 1941, sicher nicht
ganz ohne den Hinblick auf die Deportation der Wolgadeutschen und
nach meiner festen Überzeugung aufgrund eines Entschlusses
von Hitler, der allein die Autorität hatte, um ein so
ungeheuerliches Unternehmen in Gang zu setzen.{34}
Erst jetzt, oder doch nicht viel früher, finden sich auf
deutscher und auch ukrainischer Seite Gleichsetzungen von GPU und
Gestapo, die ebenso schlimme Gräueltaten begehe wie der
Gegner, mit dessen Morden die Truppe täglich bekannt gemacht
werde.{35}
Gegen Ende des Jahres 1942 bringt dann der polnische Erzbischof
von Lemberg, der Kardinal Scepticky, in einem Brief an Papst Pius
XII. die Überzeugung zum Ausdruck, die Untaten der Deutschen
seien schlimmer als die der Bolschewiki. Aber sogar in den Jahren
1942-1944 vollzieht sich die Vernichtung nicht aus einer so
starken, von Skrupeln freien Überzeugung heraus, wie Lew
Kopelew sie im Rückblick zu Wort bringt, denn Heinrich
Himmler spricht noch 1944 von der “furchtbarsten Aufgabe und
dem furchtbarsten Auftrag”, den eine Organisation jemals
erhalten habe.{36}
Wer aus dem Frieden und der Behaglichkeit der Europäischen
Union und zumal der Bundesrepublik Deutschland an “Auschwitz”
herangeführt wird, der muss vor Entsetzen sprachlos sein, und
da er trotzdem nach einer Interpretation verlangt, ist ihm
vermutlich die Deutung mittels des “deutschen
Antisemitismus” die einleuchtendste. Wer “Auschwitz”
dagegen im Zusammenhang der so überaus blutigen ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts wahrzunehmen versucht, der wird zu einem
anderen Ergebnis gelangen, ohne dass sich deshalb in ihm das
Entsetzen verlöre. Er wird vermutlich sagen: Eine solche
Vernichtung kann nur von einer Gruppe - und vielleicht von einem
Manne, in dem sich die Gruppenempfindungen besonders stark
ausgeprägt haben - realisiert werden, die von
Vernichtungsfurcht erfüllt ist, und vielleicht beruht auch
die bolschewistische Vernichtung auf der Tatsache einer großen
Vernichtung und der daraus entspringenden Ängste und
Hoffnungen.
Aber
sogar ihn wird die Behauptung, es gebe vermutlich einen “kausalen
Nexus” zwischen dem “Gulag” und “Auschwitz”
wahrscheinlich befremden. Sind nicht die Vernichtung der sozialen
Klasse der “Bourgeoisie” in Russland und die
Ausrottung der biologischen oder mindestens ethnischen Entität
der Juden auch begrifflich allzu weit voneinander entfernt? Könnte
nicht am Ende gar eine Rechtfertigung von Auschwitz aus dem Ansatz
resultieren? Aber ich erinnere an die Bemerkung, die ich über
diejenigen gemacht habe, die einen kausalen und in der Tat
rechtfertigenden Nexus zwischen “Auschwitz” und dem
Sterben von Hunderttausenden bei den anglo-amerikanischen
Bombenangriffen auf die Wohngebiete deutscher Städte
herstellen. Ein solcher Nexus sei nach meiner Überzeugung
nicht gegeben, aber wenn er sich nachweisen ließe, dürfe
er nur dem “Verstehbarmachen”, keinesfalls jedoch der
Rechtfertigung dienen. Das gleiche gilt für den kausalen
Nexus zwischen Gulag und Auschwitz, der jedenfalls insofern ein
genuiner Nexus sein kann, als die Ursache erheblich früher
ist als das Verursachte und vor allem: den späteren Tätern
bekannt war. Es würde sich mithin sogar dann nicht um ein
irreführendes “post hoc ergo propter hoc”
handeln, wenn weiter nichts vorgelegen hätte als eine falsche
und schuldhafte Verknüpfung in den Köpfen der Täter.
Ich habe aber zu zeigen gesucht, dass diese Verknüpfung ein
“fundamentum in re”, einen “rationalen Kern”
besaß, der als solcher nichts Affirmatives an sich haben
muss, sondern mit noch größerer Entschiedenheit
verurteilt und verworfen werden kann, als wenn bloß
Fantasien vorgelegen hätten. Eine solche Verwerfung nahm
zweifellos Grigorij Sinowjew vor, als er 1920 bei seiner Rede in
Halle von den “aus Hass und Angst wie irrsinnigen
Konterrevolutionären” sprach - dabei konnte er nicht
mit Bestimmtheit sagen, was aus diesem Irrsinn hervorgehen würde,
aber dass das Resultat mit seiner eigenen Aufforderung, “der
Bourgeoisie den Garaus zu machen”, kausal verknüpft
sein würde, hätte er sicher nicht in Zweifel
gezogen.{37}
Götz Aly erzählt in seinem Buch über die Endlösung
davon, ein Baltendeutscher habe Himmler im September 1939 klar
gemacht, wie lebendig die Erinnerung an die Gräueltaten der
Bolschewiki von 1919 in Riga sei, und deshalb habe Himmler die
Evakuierung in Gang gesetzt, die ihrerseits im weiteren Verlauf zu
einer Hauptursache der Deportation und schließlich der
Tötung vieler polnischer Juden geworden sei.{38}
Himmler wiederum forderte im Jahre 1941 den Schriftsteller Edwin
Erich Dwinger auf, zu ihm in sein Hauptquartier zu kommen, damit
er den Abschluss der Revolution erleben könne, deren Anfänge
er in seinen Büchern über den russischen Bürgerkrieg
beschrieben habe. Und Rudolf Höss schreibt in seiner
Autobiografie an einer kaum je zitierten Stelle folgendes: “Vom
RSHA wurde dem Kommandanten eine umfangreiche
Berichtzusammenstellung über die russischen
Konzentrationslager überreicht. Von Entkommenen wurde darin
über die Zustände und Einrichtungen bis ins Einzelne
berichtet. Besonders hervorgehoben wurde darin, dass die Russen
durch die großen Zwangsarbeitsmaßnahmen ganze
Völkerschaften vernichteten.”{39} Und was kann Karl Kraus anderes im Sinn
gehabt haben als einen kausalen Nexus, wenn er 1919 vorausahnend
schrieb, möglicherweise werde der angekündigten
Weltrevolution ein Weltpogrom zuvorkommen; was kann Alexander
Solschenizyn anderes gemeint haben, wenn er abschätzig von
dem “schülerhaften Hitlerregime” sprach?{40}
Aber hier und da finden sich in der wissenschaftlichen oder
wissenschaftsnahen Literatur vergleichbare Feststellungen, und ich
zitiere aus dem Buch Andrzej Kaminskis über
Konzentrationslager 1896 bis heute, eines Autors, der sowohl durch
sowjetische wie durch nationalsozialistische Konzentrationslager
hindurchgegangen ist. Anders als andere Verfasser weist er die
“nationalistisch” [man könnte auch sagen
“rassistisch” oder “ethnizistisch”]
gefärbten Bezeichnungen ‘deutsche’ bzw.
‘russische’ Konzentrationslager zurück,
denn sie seien von Nationalsozialisten bzw. von Sowjetkommunisten
im Rahmen des betreffenden totalitären Terrorsystems
errichtet worden. Er beginnt seine Darstellung mit den von dem
spanischen General Weyler 1896 in Kuba errichteten
Konzentrationslagern und deren ca 400 000 Insassen, und über
die englischen Lager im Burenkrieg gelangt er schließlich zu
den sowjetischen und nationalsozialistischen Stätten der
Massenvernichtung, von denen die ersten den zweiten als Vorbild
gedient hätten. Mit großem Nachdruck tadelt er die
Versuche “prokommunistischer Autoren im Westen”, “auch
die erschreckendsten Zeugnisse über die sowjetischen KZs mit
der falschen und methodologisch sinnlosen These zu neutralisieren,
dass die sowjetischen KZs mit den NS-KZs ‘nicht vergleichbar
wären’ - oder gar, dass man ‘das nicht
vergleichen darf’”. Dass die deutsche Wissenschaft
dieser Frage bisher sorgsam aus dem Wege gegangen sei, hält
er allerdings für verständlich, denn jeder entsprechende
Hinweis eines deutschen Forschers “hätte von
sowjetischer und prosowjetischer Seite einen der bekannten Stürme
der Empörung hervorrufen müssen, auch wenn dieser
Forscher jeden Anschein einer ‘Aufrechnung’ vermieden
hätte.” In Wahrheit sei der ganze hohe Norden
Sowjetrusslands, von Workuta im Nordwesten bis Kolyma im
Nordosten, jahrzehntelang auch eine Art Treblinka gewesen. Daher
ist in seinen Augen ein eingehender Vergleich zweier so ähnlicher
und so riesiger Erscheinungen ein “unausweichliches
wissenschaftliches Gebot”, dem sich freilich in Deutschland
ein “sonderbarer deutscher Chauvinismus mit umgekehrten
Vorzeichen” entgegenstelle, welcher sich darauf versteife,
“die NS-Verbrechen immer wieder als ‘unvergleichbar’
und ‘beispiellos’ zu bezeichnen.”{41}
Erst im Nachwort schreibt er dann allerdings, “die von der
Wissenschaft tunlichst übersehenen kausalen Zusammenhänge”
seien ein Problem für sich. Es ist also jedenfalls nicht
Routine oder Trivialität, wenn ich in dieser Abhandlung
solchen Zusammenhängen gerade große Aufmerksamkeit
schenke.
Zwar ist es mehr als nur begreiflich, dass “Auschwitz”
und sogar die “Judenverfolgung in Deutschland” seit
1945 mehr und mehr in den Vordergrund getreten sind, aber die
Feststellung ist gleichwohl gut begründet, ja unumgänglich,
dass das eine wie das andere im Zusammenhang des einen großen
Grundtatbestandes gesehen werden muss: der bürgerkriegsmäßigen
und schließlich kriegerischen Auseinandersetzung zwischen
zwei ideologischen Bewegungen und Regimen, die von radikalen
Vernichtungswillen gegenüber einem “Weltfeind”
erfüllt waren. Der “Antisemitismus” war im Rahmen
der militanten Gegen-Bewegung nicht zwingend notwendig, aber er
lag nur allzunahe, da ein konkreter Hauptfeind dem konkretem
Hauptfeind der Kommunisten, “den Kapitalisten”,
entsprechen musste, und aus objektiven und historischen Gründen
war keine andere Gruppe dafür so sehr prädestiniert wie
die Gruppe der Juden. Gleichwohl war der “Antisemitismus”
eine Art Ablenkung oder Verunreinigung, wenn wir vorgreifend den
innersten Kern der Auseinandersetzung als den Kampf zwischen dem
militanten Universalismus und dem militanten Partikularismus
bestimmen. Aber es gab noch mehr an derartigen “Verunreinigungen”
oder zusätzlichen Momenten, die es nicht gestatten, den
Nationalsozialismus als eine konsequente Realisierung des
Idealtyps der militanten Gegenbewegung gegen den bolschewistischen
Universalismus zu betrachten.
Der Nationalsozialismus war und
blieb eine Erscheinungsform des deutschen Nationalismus, der in
sich vielfältig war und auf seine Weise durchaus “progressiv”
und auch universalistisch sein konnte, denn er machte sich die
Überwindung des Erbes der “Kleinstaaterei” zur
Aufgabe, und er fügte sich in seiner spirituellen Ausprägung
lange Zeit in das Konzept der an der Herausbildung einer
“Kulturmenschheit” mitwirkenden “Kulturstaaten”
ein. Seine “schwache Stärke” (wie man sagen
könnte) verführte ihn schon in der Vorkriegszeit zu
Projekten einer gewaltsamen Einbeziehung a l l e r
Deutschen, und nach der Niederlage befand er sich durch den
Frieden von Versailles in einer Lage, die keineswegs nur Hitler,
sondern auch Lenin als einen Zustand der Knechtung
charakterisierte. Es war vorstellbar, wenngleich unwahrscheinlich,
dass ein nationalistisches Deutschland auch ohne die Existenz
eines bolschewistischen Russland sich nach Osten auszudehnen
versucht hätte und dadurch in einen Krieg mit den Westmächten
geraten wäre. Faktisch aber lag im Kopfe Hitlers insofern
eine enge Verknüpfung mit dem antimarxistischen Konzept vor,
als für ihn der Hauptfeind des deutschen Nationalismus der
Marxismus war.
Ein unabhängiges, weit in die Vorkriegszeit
hineinreichendes Moment war ebenfalls die Rassenlehre. Durch die
Aufspaltung der Nation in verschiedene “Rassekerne”,
von denen keiner an die Grenzen des Nationalstaates gebunden war,
stellte er so etwas wie einen Quasi-Universalismus im
Partikularismus dar, und er hätte im Prinzip zur Bildung
eines “nordischen Imperiums” aus Norddeutschland und
Skandinavien unter Ausstoßung des keltisch-dinarischen
Süddeutschland führen können. Von dieser Tendenz
blieb Hitler, wenngleich nicht der ganze Nationalsozialismus, weit
entfernt, und auch hier lag bei ihm eine eindeutige Verbindung mit
dem Antibolschewismus vor, weil die Proklamation eines Kampfes von
“Rasse gegen Rasse” für ihn die einzig wirksame
Alternative zum marxistischen Konzept des Klassenkampfes war.
Eine autonome Wurzel hatte
schließlich der biologische Sozialdarwinismus, der den Kampf
“der Starken” gegen “die Schwachen”
paradoxerweise nicht so sehr konstatierte als vielmehr
postulierte. Eben aus dieser Wurzel schien eine scheinbar rein
abstrakte Maxime Hitlers hervorzugehen, die lautete: “Wer
leben will, der kämpfe also; und wer nicht kämpfen will
in dieser Welt des ewigen Ringens, verdient das Leben nicht.”
Es ist jedoch keine bloße Willkür, wenn man darin eine
sehr konkrete und ebenfalls mit dem Antibolschewismus eng
verknüpfte Aufforderung versteckt sieht, nämlich: “Raffe
dich auf, Bürger, und nimm den Kampf mit dem Feind auf, der
dich vernichten will, oder du wirst zu recht zugrunde gehen.”{42}
Aber auch der Bolschewismus Lenins
wies einige Merkmale auf, die ihn als eine “unreine”
Verkörperung des Idealtyps des militanten Universalismus
erscheinen lassen. Hier ist die Widersprüchlichkeit weit
leichter aufzuzeigen als im Falle des Nationalsozialismus. Die
marxistische Lehre postulierte mit klaren Worten, dass nur eine
durch einen voll entwickelten Kapitalismus ausgebeutete und
verelendete, die große Mehrheit der Bevölkerung
darstellende Klasse den entscheidenden Kampf für den
Sozialismus führen könne und dass nur eine aus dieser
Revolution hervorgehende “nachkapitalistische”
Weltgegend (in der Praxis: die fortgeschrittenen Nationen des
Westens) die Weltrevolution zu realisieren und damit den
militanten Universalismus zu verkörpern berufen sei. Die
tiefe Enttäuschung Lenins darüber, dass er den
Weltsowjetkongress nicht in Berlin zu eröffnen vermochte, ist
schon erwähnt worden. Und in den letzten Jahren seines Lebens
äußerte er sich immer wieder, oftmals auf geradezu
rührende Weise, über die kulturelle Zurückgebliebenheit
Russlands und über den höchst eigentümlichen
Zustand seiner Kommunistischen Partei als eines bloßen
Tröpfchens im Meer einer widerstrebenden,
bäuerlich-kleinbürgerlichen Bevölkerung, einen
präzedenzlosen Zustand, über den “kein Marx und
kein Marxist” ein erhellendes Wort gesagt habe, sodass man
sich nun selbst helfen müsse, um aus dem immer noch allzu
“russischen”, dem “armen, verkümmerten
Russland ein reiches Land zu machen”.{43}
Aber wenn das bolschewistische Russland weiter nichts als eine
“Entwicklungsdiktatur” war, deren äußeres
Erscheinungsbild vom Gewand des Muschick und von den “barbarischen
Methoden” bestimmt war, mit denen die kommunistische Partei
auf Lenins Geheiß die barbarischen und “halbasiatischen”
Zustände bekämpfen sollte, wie lange konnte dann die
Vorstellung vom “Sowjetvaterland” und von der
“Avantgarde der Weltrevolution” für die deutschen
Arbeiter glaubwürdig bleiben?
Es waren also “unreine”
oder komplexe “Reinigungsideologien”, die zum Kampf um
die “Erlösung der Welt” gegeneinander antraten
und die sich doch beide von der Vorstellung eines einfachen,
durchsichtigen, unkomplizierten, “nicht entfremdeten”
Zustands leiten ließen, zu dem sie die Welt vorwärts-
oder besser zurückbringen wollten. Der Bolschewismus trennte
sich nie grundsätzlich von jenen Gemälden eines
harmonischen und naturverbundenen Daseins, die in zahlreichen
Publikationen des Frühsozialismus als Illustrationen und dann
auch in den Kunstwerken des “sozialistischen Realismus”
zu finden sind, und für die Zukunftsvorstellung des
Nationalsozialismus ist vermutlich eine Wandmalerei
charakteristisch, die in den SS-Räumen des Bunkers der
Reichskanzlei gefunden wurde: Rechts spielen Kinder um ihre Mutter
herum, die einen Säugling auf dem Arm hält, und links
streut ein Landmann, wohl der Vater, die Saat aus, während
auf der einen Seite ein Bauernhaus und auf der anderen
(anscheinend) ein kleines Industriegebäude im Hintergrund zu
sehen sind. Die Mitte des Gemäldes aber bilden drei
SS-Soldaten mit Stahlhelmen auf den Köpfen, deren
ausgebreitete Arme, die sich zu einer Art Flügel verlängern
und auf denen zwei mächtige Adler sitzen, schützend die
Darstellung dieser harmonischen Volksgemeinschaft umgreifen, aus
der der Schachergeist, d.h. das Judentum, endgültig entfernt
ist.{44}
Ich umreiße nun unter Herausstellung einiger
paradigmatischer Fakten und Ereignisse die Geschichte des
Nationalsozialismus vor dem Hintergrund des Bolschewismus, denn
mit dem Nachdenken über “Auschwitz” und den
“GULag” sind wir noch nicht zu Ende. Im Prinzip könnte
und müsste diese Fragestellung die Aufgabe eines
umfangreichen Buches sein, und sie dürfte - heute erst
ansatzweise entwickelt - im 21. Jahrhundert von Historikern als
das herausfordernste und fruchtbarste aller Desiderate empfunden
werden. Ich kann unter Aufzählung einiger Vergleichspunkte
nur eine höchst flüchtige und unzureichende Skizze
geben, aber sie wird ein Endurteil ermöglichen, das durch
Einzelforschungen und Gesamtdarstellungen nur noch erweitert oder
aber als falsch erwiesen werden kann:
1. Den Boden für
Bolschewismus und Nationalsozialismus bilden die beiden größten
und stärksten Staaten Europas, Russland und Deutschland.
Russland gilt als zurückgeblieben, hat aber seit dem Ende des
19. Jahrhunderts einen großen industriellen Aufschwung
genommen; Deutschland wird fast allgemein als der neben den USA
modernste Industriestaat der Erde angesehen, ist indessen nach der
Ansicht vieler deutscher und nichtdeutscher Intellektueller durch
ein feudal reaktionäres Regime geschwächt. Russland ist
der erste im Weltkrieg besiegte Großstaat, Deutschland ist
der zweite.
2. Die Ideologie des Bolschewismus
fügt sich in den Rahmen des Marxismus ein, befindet sich aber
infolge der Lenischen Lehre von den “Berufsrevolutionären”
an dessen äußerstem Rand; die Ideologie des
Nationalsozialismus ist noch weit mehr das Produkt eines “Führers”
und hängt noch stärker von der Erfahrung des Weltkriegs
ab, vermag sich jedoch auf einige eher marginale Denktendenzen der
Vorkriegszeit zu stützen.{45}
3. Die bolschewistische Partei ist
ein eng geschlossenes und ganz auf Angriff eingestelltes,
weitgehend von Lenin geprägtes Gebilde; die
nationalsozialistische Partei ist weitaus mehr durch defensive,
aber militante Vorstellungen bestimmt und eher ein Aggregat
unterschiedlicher Strömungen, die nur durch den
charismatischen “Führer” zu einer Einheit
gebracht werden.
4. Die Machtergreifung der Partei erfolgt in Russland auf
gewaltsame Weise gegen die eigenen Freunde und doch unter einer
gewissen Abschirmung durch sie; in Deutschland geschieht sie in
einem legalen Verfahren und in Zusammenarbeit mit den
deutschnationalen Verbündeten, aber sie wird unter dem Druck
einer durch die SA nur mangelhaft disziplinierten, jedoch nicht
chaotischen Volksbewegung rasch zu einer genuinen Machteroberung
durch die Partei und deren Führer.
5. Eine wichtige Etappe ist in Deutschland der Reichstagsbrand,
der aller Wahrscheinlichkeit nach auf den anarchokommunistischen
Einzeltäter Van der Lubbe zurückgeht, der aber von
Hitler, anscheinend in subjektiver Aufrichtigkeit, benutzt wird,
um einen sehr einseitigen “Bürgerkrieg” zu
entfesseln, der in kurzer Zeit die völlige Zerschlagung der
KPD und wenig später auch das Ende der anderen Parteien
herbeiführt. In Russland entspricht dem am ehesten die höchst
gewalttätige Reaktion auf die Attentate der
Sozialrevolutionäre Kaplan und Kannegießer gegen
Uritzki und Lenin, die viele Hunderte, ja vermutlich mehrere
Tausend an Todesopfern fordert, weil “die Bourgeoisie”
für verantwortlich erklärt wird.
6. In Deutschland wird das Ermächtigungsgesetz unter
Drohungen und wegen der Kassierung der kommunistischen Mandate auf
nur halb legale Weise im Parlament verabschiedet; in Russland
liegt die Auflösung der verfassungsgebenden Versammlung
einige Monate vor jenen Attentaten und nur kurz vor dem Ausbruch
eines genuinen, mit bewaffneten Großverbänden geführten
Bürgerkriegs; sie geschieht auf viel gewalttätigere
Weise und zieht sofort die blutige Zerstreuung einer für die
Versammlung demonstrierenden Menschenmenge nach sich.
7. Die terroristische Verfolgung
der Gegner hat in Russland von Anfang an einen viel ausgedehnteren
Charakter, da sie sich gegen ganze soziale Gruppen wie den Adel,
die Bourgeoisie und auch die Intelligenzia richtet, und zwar mit
sehr brutalen Methoden der Exmittierung aus Wohnungen, der
Verpflichtung zum Schützengrabenbau, der Entziehung von
Lebensmittelkarten usw.; in Deutschland entsprechen dem innerhalb
der ersten und relativ unblutigen, auch nicht g a n z
einseitigen Phase des Quasi-Bürgerkriegs gesetzliche, zum
Teil noch vergleichsweise großzügige Maßnahmen
gegen Marxisten, jüdische Beamte und auch Erbkranke; einen
unverwechselbaren Charakter erhalten sie erst durch die vom
“Rassendenken” bestimmten “Nürnberger
Gesetze”, die aber vonseiten der Zionisten einen gewissen
Beifall finden, ganz wie die “nationale Erhebung” als
solche von nicht ganz wenigen Vertretern der jüdischen
Gemeinden begrüßt wurde. Zu den “Staatsmorden”
des 30. Juni 1934 gab es in der Sowjetunion Stalins zunächst
keine Entsprechung; aber die “große Säuberung”
übertraf das nationalsozialistische Präzedens dann auf
beinahe unvergleichbare Weise. Das gleiche gilt, und zwar
ansatzweise von Anfang an, für die Zahl der Insassen von
Konzentrationslagern, jedoch auch für ein so symptomatisches
Detail wie die “Säuberung” der Literatur: Die
deutsche Bücherverbrennung vom Mai 1933 löste mit Recht
weltweite Empörung aus, aber die zuerst von Lenins Frau
Krupskaja in Gang gesetzte “Reinigung” der
sowjetischen Bibliotheken griff viel tiefer und weiter, weil sie
auch große klassische Autoren wie Platon, Kant, Schopenhauer
und Nietzsche den Lesern entzog.{46}
Bereits vor dem Ausbruch des Krieges war der “Totalitarismus”
in der Sowjetunion Stalins viel stärker ausgebildet als im
nationalsozialistischen Deutschland, und zwar schon deshalb, weil
es keine Privatwirtschaft gab, in deren Nischen Gegner des Regimes
eine Zuflucht hätten finden können. In diesem Rahmen ist
sogar Himmlers heftige Zurückweisung einer Gleichstellung von
Gestapo und GPU nicht ganz unglaubwürdig.
Bis zum Kriegsausbruch ist das Urteil geboten, dass nahezu alle
Vorgänge und Tatbestände in der Sowjetunion
monumentaler, elementarer und großenteils auch
unzivilisierter und wilder waren, so gewiss die Leiden der Opfer
auf der nationalsozialistischen Seite nicht als minder schlimm
angesehen werden dürfen. Die Zahl war indessen weit geringer,
und auch die Verfolgung der Juden war eine Vertreibung in
einigermaßen zivilisierte Verhältnisse und nicht, wie
im Fall der Kulaken, eine Verjagung in die Wildnis und meist in
den Tod.
Die Dinge scheinen sich nun fundamental mit dem Kriegsausbruch
zu ändern, nicht zuletzt deshalb, weil Hitler mit der
“Entfesselung des Zweiten Weltkrieges” eine
unvergleichliche Schuld auf sich geladen habe und dann zu einer
singulären, aber tief in seiner Ideologie angelegten
Vernichtungspolitik übergegangen sei. Diese Aussage ist nicht
falsch, doch sie bedarf wesentlicher Einschränkungen. Es war
nicht “Hitler”, der “Polen überfiel”,
sondern Hitler schloss mit Stalin einen Teilungs- und
Vernichtungspakt gegen Polen, und dem ersten, dem deutschen Schlag
gegen “dieses unschöne Gebilde des Versailler
Vertrages” folgte sehr rasch der zweite, der sowjetische
Schlag. Und dem Terror- und Vertreibungsregime, das das
nationalsozialistische Deutschland im besetzten Westteil Polens
errichtete, kam das sowjetische Terror- und Vertreibungsregime im
besetzten Ostpolen mindestens gleich, denn man kann schwerlich
behaupten, dass die Erschießung von nahezu allen polnischen
Offizieren, die der Roten Armee in die Hände gefallen waren,
bei Katyn die führende Schicht Polens weniger hart getroffen
hätte als der Mordterror Franks und Heydrichs, zu dem
vonseiten des Militärs in gewisser Weise durch die korrekte
Behandlung der kriegsgefangenen Offiziere einschließlich der
jüdischen ein Gegengewicht geschaffen wurde.
Die Gabelung erfolgte in Wahrheit erst vom 22. Juni 1941 an,
und sie ist historisch, wenngleich nicht moralisch, anders zu
beurteilen, wenn es sich um einen “Überfall”, als
wenn es sich um einen unvermeidlichen Entscheidungskampf oder gar
um einen Präventivkrieg handelte. Aber die schrecklichen
Verluste unter den sowjetischen Kriegsgefangenen, von denen mehr
als die Hälfte umkamen, bilden nur dann einen wesentlichen
Differenzpunkt, wenn tatsächlich und mit nachweisbaren Folgen
die Intention einer biologischen Schwächung des russischen
Volkes maßgebend war, und selbst dann würde nicht
übersehen werden dürfen, dass von mehr als 100 000 bei
Stalingrad gefangenen deutschen Soldaten nur 5000 in die Heimat
zurückkehrten.
Ähnliches gilt für den
“Kommissarbefehl”, dessen Grundannahme, nämlich
die völkerrechtswidrige Behandlung der deutschen Gefangenen
seitens der Roten Armee, sich schon während der ersten Wochen
des Krieges gutenteils als richtig erwies. Später sollte sich
dann allerdings zeigen, dass Hitlers Vorhersagen, die
Bolschewisten würden Millionen und Millionen der deutschen
Intellektuellen umbringen, keine Bestätigung fanden; aber es
wäre trotzdem angebracht, die Frage zu stellen, wie viele
Millionen Menschen die Nationalsozialisten aus Deutschland hätten
vertreiben müssen, wenn sie sich auch nur die “Postzedentin”
der DDR zum Vorbild hätten nehmen können.{47} Und was das Schicksal von
“Parasiten” und “Nomaden” in der
Sowjetunion war, kann niemandem zweifelhaft sein, der sich je mit
den “Besprisornij” der zwanziger Jahre beschäftigt
hat. Die Empörung über die Behandlung der Sinti und Roma
und über den Entwurf des “Gemeinschaftsfremdengesetzes”
ist daher moralisch völlig gerechtfertigt, nicht aber als
historisches Urteil in der vergleichenden Analyse der totalitären
Regime der kommunistischen Sowjetunion und des
nationalsozialistischen Deutschland.
Ein wesentlicher Unterschied ist erst bei der “Euthanasie”
zu konstatieren, und er entspringt der Distanz zwischen einer
sozialen und einer biologischen Vernichtungskonzeption, auch wenn
die Differenz in den praktischen Umständen nicht sehr groß
gewesen sein dürfte.
Die eigentliche und wesentliche Andersheit bildet in der Tat
“Auschwitz”, und hier muss jene ungeheuerliche
“Arbeitserleichterung” durch die ganz
überproportionale Tötung von jüdischen Männern,
Frauen und Kindern bei der präventiven Partisanenbekämpfung
durch die Einsatzgruppen der SS mit einbezogen werden. Gewiss
hatte sich schon 20 Jahre zuvor in Sowjetrussland ein
vergleichbarer Vernichtungswille gegen die sozialen Gruppen
gerichtet, die man der Verbindung mit “Konterrevolutionären”
anklagte, und 10 Jahre früher gegen die “Klassenfeinde”
der Kulaken, und die Zahl der Opfer lag vermutlich schon vor dem
Ausbruch des Krieges bei mehreren Millionen, aber an keinem Platz
in der Sowjetunion waren jemals viele Hunderttausende von Menschen
aus den Deportationszügen ausgeladen und sofort, mit dem Ziel
der Vernichtung aller Mitglieder dieser Gruppe bzw. dieses Volkes
getötet worden. Schon in dieser Hinsicht ist “Auschwitz”
singulär, d.h. historisch präzedenzlos, so wenig man
übersehen darf, dass es unter anderen Aspekten noch andere
Singularitäten, d.h. historisch präzedenzlose und dabei
bedeutende Ereignisse oder Tatbestände geben kann.
Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Wir müssen
vielmehr die meines Wissens noch nie aufgeworfene Frage stellen,
ob es einen inneren Zusammenhang zwischen der relativen
Unvollkommenheit des nationalsozialistischen Totalitarismus und
Terrorismus einerseits und der sich jeder Gleichsetzung
entziehenden Schrecklichkeit von “Auschwitz” gibt.
Eine Antwort kann nur auf tastende Weise gegeben werden, welche
Vermutungen nicht von vornherein ausschließt.
Der im Vergleich zu Russland weit
höhere Zivilisationsstand Deutschlands machte für Hitler
die Kooperation mit den bisher führenden Schichten und damit
ein beträchtliches Maß an Kompromissbereitschaft
erforderlich, wenn er zur Macht kommen und die Macht bewahren
wollte; er war nicht in der Lage und auch nicht willens, einen
Totalangriff gegen die ganze bisherige Gesellschaft in Gang zu
setzen, wie Lenin es tat. Er wollte im Gegenteil eine, wie er
meinte, tödliche Gefahr für diese Gesellschaft abwenden,
und es wurde im erst allmählich immer klarer, wie weit sie
von “seiner” Gesellschaft, d.h. von seiner
Gesellschaftsvorstellung verschieden war. So wurde zwar schon bald
seine Behauptung, er verteidige das Abendland und dessen Kultur,
durch sein handeln und dasjenige seine Gefolgsleute mehr und mehr
unglaubwürdig, doch erst im letzten Kriegsjahr machte er es
sich selbst zum Vorwurf, diese bis 1933 führenden Schichten
nicht nach dem Vorbild Lenins und Stalins ausgerottet zu haben.
Aber er wurde dadurch keineswegs zum Bolschewisten, sondern er
glaubte vielmehr, etwas viel Elementareres verteidigen zu müssen
als “das Abendland”: die Ungleichheit der Personen und
der Rassen, den Krieg als die “höchste Form des
Lebens”, die nicht-emanzipatorische Existenzweise der Frauen
als Voraussetzung des Lebens des Volkes, den Vorrang der
kriegerischen - der “Intellektualisierung” als der
schwersten Gefahr am meisten entgegengesetzten - Tapferkeit als
der höchsten aller Tugenden. Es war keine Zufallsbemerkung,
als er in seinen “Monologen im Führerhauptquartier”
die “deutschen Professoren” den Juden an die Seite
stellte. Zwar konnte er die “Ausrottung der führenden
Schichten” nur ansatzweise vollziehen, aber er stellte nach
dem 20. Juli 1944 doch unter Beweis, dass er mit nicht weniger
Entschlossenheit und Fanatismus als Lenin “das Erschießen”,
ja da “Erhängen” zum A und O seiner Regierung
machen konnte. Bis dahin aber hatte er seinen ideologischen
Fanatismus nur an einer Stelle zur vollen Auswirkung bringen
können, und diese Stelle war “Auschwitz”. Wenn er
den großen Feind, den Bolschewismus nicht besiegen, sondern
allenfalls sich selbst ähnlicher machen konnte, so wollte er
wenigstens dasjenige zerstören, was er, nicht völlig zu
Unrecht, für den Wurzelboden dieses und zugleich des
“kapitalistischen” Feindes hielt, nämlich die
biologische Entität des Ostjudentums und indirekt des
Judentums überhaupt.{48}
Dadurch glaubte er letzten Endes doch noch dasjenige aus der Welt
bringen zu können, was er am meisten hasste und was man in
grober Verkürzung “Modernität” nennen mag.
Darunter aber verstand er zum guten Teil nichts anderes, als was
auch heute noch nicht selten als “die schlechten Zeiten der
Moderne” bezeichnet wird. Hier und nur hier ist die
eigentliche Singularität von “Auschwitz” zu
sehen, die unbestreitbar ist, so sicher gegen gewisse und
quasireligiöse Übersteigerungen gesagt werden muss, dass
“Forschungsfreiheit” auch gegenüber diesem Thema,
insbesondere gegenüber Zahlenangaben und dem “dantesken”
Teil der Zeugenaussagen, unverzichtbar ist.
Die Skizze, die ich dargeboten habe, ließe sich nicht nur
zu einer vergleichenden Geschichte des Bolschewismus und des
Nationalsozialismus ausarbeiten, sondern im Ausgang davon könnten
auch strukturtheoretische Analysen vorgenommen werden. Es ließe
sich aber ebenfalls eine allgemeine Charakterisierung des Kampfes
zwischen den beiden Vernichtungsideologien und den Weisen ihrer
Realisierung anschließen, die lediglich zur
Veranschaulichung auf relativ wenige Einzelheiten eingehen würde.
Sie lässt sich tatsächlich in stärkster Verkürzung
hier einfügen, da die Verwendung eines “Schlüsselwortes”
sich aufdrängt.
Im
Jahre 1936 sagte der Vorsitzende der Kommunistischen
Gewerkschaftsinternationale Losowski, der später auch eine
bedeutende Rolle im Jüdischen Antifaschistischen Komitee
spielen sollte, auf einer Sitzung des Hauptvollzugsausschusses der
Sowjetunion, die Imperialisten, nämlich Deutschland, Polen
und Japan, könnten überzeugt sein, dass ein Krieg gegen
die Sowjetunion auch einen Krieg im eigenen Land bedeute. “Wir
wissen, gegen wen die Proletarier dieser Länder ihre Gewehre
kehren werden. Ihr wollt Krieg haben, ihr Herren, probiert es. Und
Ihr werdet in euren eigenen Werken, Fabriken und Kolonien Krieg
haben.”{49}
Am 30. Juni 1941 ließ Wjatscheslaw Molotow dem
Generalsekretär der KI Georgij Dimitrow folgende Mitteilung
zukommen: “Jede Stunde zählt. Überall müssen
die Kommunisten die entschiedensten Aktionen zur Unterstützung
des sowjetischen Volkes unternehmen. Es kommt darauf an, das
Hinterland des Feindes zu desorganisieren und seine Armee zu
demoralisieren”.{50}
Diese Überzeugung, dass auch in Deutschland zahllose Arbeiter
innerlich auf der Seite der Sowjetunion ständen und einen
Angriff auf das “Vaterland des Weltproletariats” schon
in den ersten Anfängen zum Scheitern bringen würde,
könnte man die immer noch machtvolle Schwundstufe jenes
Glaubens von 1919 und 1920 nennen, dass der Sturm der
Weltrevolution in nächster Zukunft ganz Europa und wenig
später die Welt an die Seite Sowjetrusslands bringen werde.
Aber der Gedanke, dass ein Angriffskrieg gegen die Sowjetunion
nicht geführt werden könne, weil sie im übrigen
Europa viel zu viele entschlossene Anhänger habe, war damals
auch unter “bürgerlichen” Staatsmännern weit
verbreitet, und er fand sogar Eingang in das Tagebuch des Grafen
Ciano, des Schwiegersohns Mussolinis. Wenn der Bericht Ludwig
Renns richtig ist, stimmten die Soldaten der faschistischen Miliz,
die bei Guadalajara von den spanischen Republikanern besiegt
wurden, nach der Gefangennahme die “Bandiera rossa”
an; sie waren also im Herzen Sozialisten geblieben, wie sie - oder
ihre Väter - es vor der Machtergreifung des Faschismus
gewesen waren. Sebastian Haffner spricht in seinen Anmerkungen zu
Hitler - mit denen er, 40 Jahre nach seinem ersten Buch Germany,
Jekyll and Hyde, den Beweis antrat, dass auch scharfe
Hitlergegner, ohne sich selbst aufzugeben, zu einer in manchen
Punkten positiveren Einschätzung Hitlers gelangen konnten -
von den “Leistungen” Hitlers, aber er erwähnt
nicht oder allenfalls implizit, was diesseits einer positiven oder
negativen Bewertung als die erstaunlichste Leistung Hitlers zu
betrachten ist, nämlich, dass er eine riesige Armee, die in
ihrer Masse aus Arbeitern und Bauern bestand, zum Angriff gegen
die Sowjetunion führen konnte, ohne dass auch nur ein
größeres Ausmaß an Sabotage oder eine
beträchtliche Anzahl von Überläufern zu verzeichnen
gewesen wären. Gleichwohl könnte der Satz von Losowski
als Motto über den ganzen Ostkrieg geschrieben werden, denn
spätestens nach der Jahreswende 1941/42 mussten die deutschen
Soldaten sich überall im Osten von versteckten, aber sehr
aktiven Feinden umgeben fühlen, und es war nicht nur die
“Rote Kapelle”, die vom Inneren Deutschlands und
Europas aus engen Kontakt mit Moskau hatte, sondern aus Hitlers
engstem Umkreis, vermutlich von einem Stenografen, gelangten
wichtige Nachrichten an den sowjetischen Feind. Ohne dieses
Empfinden eines umfassenden Bedrohtseins ist das Verhalten der
deutschen Truppen im Ostkrieg nicht zu begreifen, und selbst die
Wachmannschaften der Konzentrationslager waren davon nicht
ausgenommen: Nach dem Kriege erzählte einer der Häftlinge
stolz, es sei ihm bei seiner Tätigkeit in der Wäscherei
eines Lagers gelungen, Läuse unter die Kragen von
SS-Uniformröcken zu platzieren und vier SS-Leute seien
daraufhin an Fleckfieber gestorben.{51}
Es gab also auch im Zweiten Weltkrieg jene große
übernationale Gruppierung der militanten Anti-Imperialisten,
die sich nun meist Antifaschisten nannten und deren festester Kern
aus kommunistischen Parteimitgliedern bestand. So wenig ihre
Existenz als solche kriegsentscheidend war, so sehr ließ sie
es doch noch im Rückblick als möglich erscheinen, dass
die bolschewistische Weltbewegung in ganz Europa den Sieg hätte
erringen können, wenn die Rote Armee im Sommer 1920 Warschau
erobert hätte und wenn sich an der Flamme dieses Sieges der
“deutsche Oktober” entzündet hätte, den
Lenin so sehnlich wünschte und der erst 1923 definitiv
scheiterte. Gewiss kann man diesem Sieg keine Wahrscheinlichkeit
zuschreiben, aber seine Möglichkeit ist nicht vollständig
auszuschließen, und ein “europäischer
Bürgerkrieg” hätte nicht stattgefunden.
Doch auch Hitler hätte eine vergleichbare Zuversicht zum
Ausdruck bringen können wie Losowski. Zahllose Deutsche in
Österreich, der Tschechoslowakei und Polen stellten das
Prinzip der Nationalität weit höher als das der
Staatsloyalität, von einer “Klassensolidarität”
zu schweigen, und später sollte sich - zuerst bei jenen
“jüdischen Bolschewisten”, die von Stalin
verdächtigt wurden, zum Zionismus übergegangen zu sein -
an zahlreichen Stellen zeigen, dass der kommunistische
Internationalismus bei vielen seiner Anhänger nicht jenseits,
sondern diesseits des Nationalismus zu lokalisieren war. Auch
Hitler besaß Sympathisanten, ja Anhänger in ganz
Europa, und nach dem 22. Juni 1941 brachen zwar an vielen Stellen
- es ist an den Keitel-Erlass vom 16. September 1941 zu erinnern,
- “kommunistische Aufstände” aus, aber noch
auffälliger war die große Welle antibolschewistischer
Solidarität, die in nahezu jedem Lande Europas spürbar
wurde. Und in den eroberten Gebieten der Sowjetunion stießen
die Soldaten Hitlers auf weit verbreitete Sympathien und auf
Bereitschaft zur Zusammenarbeit: in Litauen, in Lettland, in der
Ukraine - überall dort, wo die Rote Armee als
Besatzungstruppe stationiert gewesen war oder wo die Erinnerung an
die “Entkulakisierung” noch lebendig war. Daher muss
es als immerhin möglich erscheinen, dass Hitler durch die
psychologischen Auswirkungen einer Eroberung Moskaus im Oktober
1941 ebenso den definitiven Sieg seiner Bürgerkriegspartei
errungen hätte wie Lenin zwei Jahrzehnte zuvor durch die
Einnahme Warschaus. Dann würde immerhin der entscheidende und
weitaus blutigste Teil des “europäischen Bürgerkriegs”
nicht stattgefunden haben.
Auch wenn es sich bei solchen
Überlegungen um bloße Gedankenspiele handeln sollte,
sind sie doch geeignet, den Charakter dieser ideologischen
Auseinandersetzung zwischen zwei Vernichtungs- und
Reinigungsideologien herauszustellen, von denen jede die andere
gleichsam zu umfassen und zu erdrücken versuchte und
versuchen durfte, sodass alle Interpretationen, die zwischen 1917
und 1945 nur “Verbrecher” und “Täter”
am Werk sehen, unzureichend, wenngleich gewiss nicht völlig
falsch sind, solange man nicht in grober Parteilichkeit
“Verbrecher” und “Täter” nur auf der
einen Seite wahrnimmt.
Im Rückblick ist so viel gewiss: Nie zuvor hatte es in der
neuzeitlichen Geschichte eine Vernichtungsideologie gegeben, die
sich so weitgehend zu einer Vernichtungsrealität zu machen
verstand wie die bolschewistische. Schon 1922 und definitiv 1933
gab es in Sowjetrussland keinen Adel, kein Bürgertum, keine
“Intelligenzija”, keine autonome Kirche und kein
selbstständiges Bauerntum mehr. Allerdings waren eine neue
und parteitreue Intelligenz, eine riesige Bürokratie und eine
neuartige Schichtung mit dem Alleinherrscher an der Spitze und dem
Millionenheer der Zwangsarbeiter am entgegengesetzten Ende
entstanden, doch die Aufgabe der “nachholenden
Industrialisierung” war erfolgreich bewältigt worden.
Der Nationalsozialismus hatte als “Reinigungsideologie”
die Erbkrankheiten durch das Zwangsmittel der Sterilisierung bzw.
durch die “Euthanasie” und dann die Kriminalität
durch sehr hatte Strafen großenteils beseitigt; er hatte
alle anderen Parteien politisch, jedoch nur zu einem kleinem Teil
physisch vernichtet, und er hatte bis zum Anfang des Krieges die
“Entfernung” eines angeblich fremden Volkes aus
Deutschland unter grundsätzlicher Zustimmung der Zionisten
weitgehend durchgeführt. Aber auch die “Reaktionäre”,
mit denen er seit 1933 zusammenarbeiten musste, sah er als seine
Feinde an, obwohl er im Gegensatz zu der sozialistischen Doktrin
das Privateigentum nicht beseitigen wollte. Doch in der Konsequenz
von Hitlers Ideen lag die physische Vernichtung der Juden, die als
das “raumlose Volk” für die Urheber sowohl des
Bolschewismus wie des Kapitalismus gehalten wurden, und mit
dieser, bis 1944 allein klar hervortretenden Vernichtungsintention
vermochte Hitler die Bolschewiki zu übertreffen. Wie jenes
Wandgemälde indessen symbolisch zu erkennen gibt, ging der
Wille zur “Reinigung” und zur “Wiedergesundung”
viel weiter, und Hitler selbst hat von einem künftigen
Zustand gesprochen, in dem “Bauern und Arbeiter sich
wechselseitig das Leben gewähren”, in welchem also
“Schacher” und “Gold” endgültig
verschwunden sind. Insofern könnte man sagen, der
Nationalsozialismus sei ein defizienter Modus des Bolschewismus
gewesen, der mit diesem das Ziel der reinen, einfachen und
durchsichtigen Gemeinschaft der Zukunft geteilt habe, aber in der
Ideologie weniger konsequent und in der Realisierung, bis auf die
für ihn zentrale Intention der “Judenvernichtung”,
weniger radikal gewesen sei. Hier müsste indessen gefragt
werden, inwiefern neben der zentralen Differenz zwischen der
vorgestellten “Weltgemeinschaft” und dem projektierten
“großgermanischen” oder gar “arischen”
Reich auf der Seite des Nationalsozialismus der Wille zur
Erhaltung der privaten ökonomischen Initiative und damit das
Ideal des “Sozialstaates” anstelle eines
“sozialistischen Endzustandes” genuin war. Hier öffnet
sich ein neues Feld der Überlegung, das in dieser
Schlussbetrachtung jedoch nicht mehr betreten werden kann.
Aber
sollte am Schluss nicht doch ein eindeutiges Gesamturteil möglich
und erforderlich sein? Wenn es zwingend notwendig ist, alle
Verbrechen und zumal alle Massenverbrechen moralisch zu
verurteilen, und zwar ohne Ansehen der Person, der Nationalität
oder der Religion der Opfer, lassen sich doch vielleicht
historische Unterscheidungen vornehmen, und erst eben ist ja eine
klare Unterscheidung zwischen “Auschwitz” und dem
“Gulag” getroffen worden. Muss nicht wenigstens
denjenigen eine historische Anerkennung gezollt werden, die, wie
es ein Kommunist ausdrückte, “das Elend der Welt in ein
Jahrhundert pressen wollten, um es dadurch für immer zu
beseitigen”{52}, und müssen nicht
diejenigen definitiv in den Abgrund der historischen Verfluchung
gestürzt werden, die dieses Elend, d.h. Krieg, Ausbeutung und
Unterdrückung, für immer fixieren wollten, indem sie
eine Rasse zur Herrenrasse erhoben und die Grausamkeit der Natur
nicht beklagten, sondern eher zu verschärfen versuchten? Kein
Text ist in dieser Hinsicht aufschlussreicher als Hitlers Rede vom
27. Januar 1932 vor dem Industrieklub in Düsseldorf mit ihrer
schroffen Herausstellung des “Herrenrechts der weißen
Rasse”, aber auch mit ihrer Kennzeichnung des Bolschewismus
als “Weltidee” und mit der Vorhersage, Lenin werde,
wenn seine Bewegung nicht gestoppt werden könne, in 200
Jahren als der Stifter einer neuen Religion gelten “mit
einer Verehrung vielleicht wie Buddha”{53}.
Aber jenes Urteil kann offensichtlich nur definitiv sein, wenn der
Beweis erbracht ist, dass die postulierte Zusammenpressung des
Elends tatsächlich zum Ende des Elends und nicht umgekehrt zu
dessen Perpetuierung geführt hat. Der Historiker darf nicht
einen imaginären Platz in der Zukunft einzunehmen suchen,
aber er sollte sich auch nicht mit einer bloßen “epoché”,
einer Urteilsenthaltung, begnügen.
Und deshalb muss heute zweifellos zuerst vom historischen Recht
des Bolschewismus gesprochen werden, und es wäre das Urteil
Walther Rathenaus anzuführen, der Bolschewismus werde in 100
Jahren die Welt umkreist und überall seine Grundideen
durchgesetzt haben. Was war mit der “Weltrevolution”
anderes gemeint als die Universalisierung, die heute unter dem
Stichwort “Globalisierung” in aller Munde ist, die die
entferntesten Weltgegenden miteinander in nächste und oft
sekundenschnelle Berührung bringt, die keinem Staat noch
genuine Souveränität zukommen lässt, die es zu
einer zwingenden Notwendigkeit macht, den Hass zwischen Menschen
verschiedener Nationalität und Hautfarbe abzubauen, die
überall ein stärkeres Selbstbewusstsein der Individuen
und mithin die “Emanzipation” von bisher
minderberechtigten Gruppen erzeugt, die ein Ausmaß von
“Machbarkeit” und damit von Naturbeherrschung
hervorbringt, das noch im 19. Jahrhundert schlechterdings
unvorstellbar war?
Und von alldem sticht aufs
grellste das Unrecht des Nationalsozialismus ab, der die
Weltherrschaft der germanischen Rasse errichten wollte, der für
seinen “Rassenstaat” totale Souveränität, ja
Autarkie erstrebte, der sich mit Nachdruck gegen die “Emanzipation
der Frau” aussprach, der einen Raubkrieg gegen Russland
führte, der mithin so etwas wie eine “Weltreaktion”
darstellte. Daher ist es begreiflich, dass von allen
“Progressiven” noch heute ein erbitterter Kampf gegen
den Nationalsozialismus geführt wird, der doch schon lange
tot ist und am ehesten durch die ständige Polemik wieder zum
Leben erweckt werden könnte, denn reaktionäre Tendenzen,
wenngleich geschwächt, gibt es auch heute, und im
Nationalsozialismus besaßen sie noch ein kraftvolles,
wenngleich schon sehr artifizielles oder angestrengtes
Selbstbewusstsein. So brachte ja selbst der Chef des SS-Hauptamts,
der Gruppenführer Gottlob Berger, 1943 in einem Brief an
Himmler seinen Zweifel zum Ausdruck, ob man nicht vielleicht in
der Abenddämmerung der germanischen Welt lebe, und in
Himmlers Antwort fehlte die rechte Zuversicht.{54}
Aber man sollte nicht vergessen, auch den zweiten Teil der
Aussage Rathenaus zu zitieren, in dem prophezeit wird, nach diesen
hundert Jahren werde der Bolschewismus jedoch ganz anders
aussehen, als die gegenwärtigen Bolschewiki es sich
vorstellten. Tatsächlich hatten die Bolschewiki Lenins, wie
heute ins Auge springt, historisch ebenso sehr unrecht wie Recht.
Sie wollten das Privateigentum vernichten, und kein Begriff hat
heute in der ganzen Welt so große Auswirkungen, wie
derjenige der “Privatisierung”. Sie wollten die
“schuldigen höheren Schichten” und alle
überlebten Reste der Vergangenheit ausrotten, aber trotz
aller tief greifenden Änderungen lässt sich eine
Kontinuität von führenden Schichten nicht übersehen,
und in Russland legt sogar die orthodoxe Kirche neue Lebenskraft
an den Tag; sie sahen im “Kleinbürgertum” einen
Hauptfeind, und heute gibt es im Okzident keine umfangreichere
soziale Schicht. Sie wollten in der ganzen Welt “Egalität”
herstellen, aber noch nie zuvor war die Welt so voller
Inegalitäten, die allerdings überwiegend ökonomisch
sind und kein positives Selbstbewusstsein entwickeln. Die höchst
komplexe, differenzierte und arbeitsteilige moderne Gesellschaft
ist einem Gleichheitsbegriff nicht zu unterwerfen, der an der
Egalität einer Urgemeinschaft oder auch einer Familie
orientiert ist.
Und daher ist es wahrscheinlich,
dass der Zusammenstoß mit dem Nationalsozialismus wesentlich
zu jener Wandlung und indirekt zu dem schließlichen Sturz
der kommunistischen Regime in Osteuropa beigetragen hat, sodass
auch ihm trotz jenes in die Augen springenden Unrechts ein
gewisses historisches Recht zuzuschreiben ist. Im Jahre 1937
wandten sich mindestens ebenso viele Engländer und Amerikaner
mit großem Interesse dem “sozialen Experiment”
in Deutschland zu wie dem “realen Sozialismus” in der
Sowjetunion, und das war kein bloßer Fehltritt. Das
Bismarcksche Deutschland hatte am frühesten so etwas wie den
“Sozialstaat” auf den Weg gebracht, wenngleich gewiss
unter dem Druck der sozialistischen Partei. Die Weimarer Republik
entwickelte diese Alternative - sowohl zum planwirtschaftlichen
Sozialismus der Sowjetunion wie zum freien Manchesterkapitalismus
der USA - weiter, und das nationalsozialistische Regime verstärkte
die Tendenz, statt sie abzubrechen. Es war unter diesem
Gesichtspunkt also nicht antimodernistisch und auch nicht
antidemokratisch, denn was wäre demokratischer als eine echte
Volksbewegung, und es ist angebracht, daran zu erinnern, dass
Thomas Mann folgendes zu einem Zeitpunkt in sein Tagebuch schrieb,
als er mit tiefem Aufatmen den bevorstehenden Sturz des verhassten
Kriegsregimes konstatieren konnte: “Man soll nicht vergessen
und sich nicht ausreden lassen, dass der Nationalsozialismus eine
enthusiastische, Funken sprühende Revolution, eine deutsche
Volksbewegung mit einer ungeheuren seelischen Investierung von
Glauben und Begeisterung war.”{55}
Eine enthusiastische, Funken sprühende Volksbewegung
innerhalb einer großen Nation und sogar weit über sie
hinausgreifend war auch der Bolschewismus, und wir haben schon vor
geraumer Zeit unterstrichen, dass der Vernichtungswille und die
Vernichtungsrealität nur der eine seiner Hauptaspekte war,
welcher mit dem anderen Hauptaspekt eng verbunden war. Das Gleiche
gilt, trotz aller Unterschiede, für den Nationalsozialismus,
und der Historiker muss ein Bewusstsein der Dialektik und der
Komplexität entwickeln, das dem bloßen Moralisten
abgeht, so gewiss er dessen Ablehnung einer blanken Gleichsetzung
zu akzeptieren hat.
Aber es scheint sich eine einfache Lösung der Problematik
anzubieten. Der Bolschewismus suchte auf gewaltsame Weise einige
der Merkmale in einem ungünstigen Umfeld zu realisieren, die
sich in der modernen Demokratie der angelsächsischen und
französischen Art allmählich durchgesetzt haben;
insoweit war er im historischen Recht. Der Nationalsozialismus war
mit seinem bellizistischen Ansatz eindeutig im historischen
Unrecht, aber er verteidigte in der direkten Konfrontation mit dem
Bolschewismus jene nicht sozialistisch-planwirtschaftlichen,
sondern sozialstaatlichen Merkmale, die sich in der “westlichen
Demokratie” ebenfalls allmählich durchgesetzt haben.
Insoweit war auch er im historischen Recht. Beide aber waren
sowohl als enthusiastische Volksbewegungen wie als
Vernichtungsideologien und -realitäten im historischen
Unrecht gegenüber der “pluralistischen Demokratie”,
die in ihren Heimatländern als nüchternes
Miteinander-Umgehen der Vernünftigen keine
ideologisch-enthusiastische Volksbewegungen hervorbrachte und
hervorzubringen brauchte.
Und nun kommen vor einer letzten Alternative, welche die
Zukunft betrifft, “Hitler” und “Auschwitz”
noch einmal ins Spiel. Wenn Hitler aus dem Grabe auferstehen
könnte, würde er vermutlich sagen: Meine Hauptthese, die
These von der “jüdischen Weltherrschaft”, hat
sich inmitten von allem Antifaschismus als richtig erwiesen, denn
die “Ostküste” der Vereinigten Staaten und Israel
sind heute die wichtigsten und einflussreichsten politischen,
intellektuellen und ökonomischen, ja militärischen
Mächte der Welt. Aber man müsste ihm antworten: Die
amerikanischen Juden und auch die Israelis haben nicht mehr viel
Ähnlichkeit mit ihren Vorfahren in Polen, von denen Simon
Dubnow erzählte. Sie waren nicht die Urheber der Moderne,
sondern sie wurden durch die Modernisierung ebenso verändert
wie die anderen Amerikaner, die Deutschen und die Russen. Richtig
ist allerdings, dass sie sich immer noch von anderen Gruppen
wesentlich unterscheiden, aber hauptsächlich durch ein
ungewöhnliches Ausmaß an Begabungen der
mannigfaltigsten Art, sodass sie allerdings die stärkste
aller Verkörperungen einer nicht bloß ökonomischen
Inegalität sind, die überall abzubauen sie so viel getan
haben. Und eben dadurch wird ein anderes, ein weniger
philosophisches Urteil über Auschwitz möglich: Nie zuvor
in der menschlichen Geschichte wurde eine solche Fülle von
Begabung, Tüchtigkeit und Energie der Menschheit entrissen;
dies ist niemals wieder gutzumachen.
Es ist aber auch vorstellbar, dass Lenin sich aus dem Grab
erhöbe und sagte: Ihr täuscht euch, wenn ihr meint, ihr
seiet mit eurer “westlichen Demokratie” am stabilen
Endpunkt der Geschichte, in der “Nachgeschichte”,
angekommen. Ihr verdankt euren Massenwohlstand der Ausbeutung der
Milliardenmassen der “Dritten Welt”, die ihr zwar auf
mannigfaltige Weise zu beschwichtigen versucht, die euch aber in
immer größerer Zahl einkreisen, sodass ihr schließlich
kapitulieren und euch dem Gebot der Mehrheit der Weltbevölkerung
unterwerfen müsst, die eine Wirtschaft der Planung und der
Bedürfnisbefriedigung an die Stelle eures raubgierigen
Kapitalismus und fessellosen Individualismus setzen wird.
Ich will nicht
artikulieren, was Hitler ihm vielleicht aus dem Grab antworten
würde, denn wenn er Gehör fände, würde die
Zukunft noch düsterer sein, als wenn Lenin recht hätte.
Dem Historiker bleibt nur zu sagen: Wir können gerade über
Bolschewismus und Nationalsozialismus keine definitiven
Schlussurteile fällen, solange uns die Zukunft verborgen ist,
aber wir dürfen hoffen und müssen das unsere dazu tun,
dass diese Zukunft weniger unheilvoll sein wird, als sie sein
könnte, und wir sollten uns durch die prachtvollen Projekte
des wissenschaftlichen Zukunftsoptimismus ebenso wenig über
die Undurchsichtigkeit der Zukunft hinwegtrösten lassen wie
durch die gut gemeinte deutsche “Vergangenheitsbewältigung”
über die Komplexität und die Paradoxien der
Vergangenheit.
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